Naumer Hans-Jorg Allianz GI

Allianz GI : Anlagenotstand

Allianz GI : Die Expansion der Weltwirtschaft ist in die nächste Phase eingetreten. Daran erinnerte uns auch die abgelaufene Woche.

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Von  Dr. Hans-Jörg Naumer Director Global Capital Markets & Thematic Research


Nach einer kräftigen Erholung seit dem Tiefpunkt der Rezession im letzten Jahr hat die Wirtschaftsdynamik im laufenden Quartal ihren Höhepunkt überschritten, und das Wachstum zeigt zunehmend eine Dynamik in der Mitte des Zyklus‘ an. Unser Macro Breadth Index, der den zugrunde liegenden zyklischen Trend der Weltwirtschaft auf der Grundlage von mehr als 350 globalen, regionalen und Länderindikatoren abbildet, ging im August nach dreizehn Monaten ununterbrochener Verbesserung den zweiten Monat in Folge zurück.

Die Sitzung des geldpolitischen Rates der Europäischen Zentralbank (EZB) brachte wenig Bewegung. Die Euro-Zentralbank ziert sich, das Ende ihrer expansiven Geldpolitik in den Blick zu nehmen. Mit der Anpassung ihrer geldpolitischen Strategie hat sie sich vorausschauend den Rücken freigehalten, auch wenn die Inflationsraten anziehen, wie sie dies aktuell tun. Zinserhöhungen dürften in weiter Ferne liegen. Wichtige Weichenstellungen, wie eine Ankündigung der Beendigung des Pandemie-Notfallankaufprogramms (PEPP), sollten allerdings kaum vor Dezember genommen werden.

Die US-Notenbank Federal Reserve könnte im November die Einzelheiten des „Tapering“-Prozesses bekannt geben, um dann im Dezember mit der Reduzierung der Anleihekäufe zu beginnen. Eine monatliche Reduzierung der Käufe von Staatsanleihen im Umfang von 10 Mrd. und bei den Mortgage Backed Securities (MBS) von 5 Mrd. US-Dollar über einen Zeitraum von acht Monaten erscheinen als plausibler Pfad. Die Käufe würden demzufolge im Sommer des nächsten Jahres auslaufen.

Dabei ist die Frage, ob es sich bei den Preisanstiegen nur um einen temporären Effekt oder eine länger anhaltende Entwicklung handelt, an den Kapitalmärkten noch nicht ausdiskutiert. Die Mehrheitsmeinung der Analysten geht nur von einem kurzzeitigen Überschießen auch als Reaktion auf den Einbruch um die Pandemie aus. Die umfragebasierten Inflationserwartungen der professionellen Prognostiker haben sich jedenfalls auf Sicht der nächsten Jahre nur geringfügig nach oben bewegt. Negative Überraschungen durch höhere Inflationsraten als erwartet, sind dabei nicht auszuschließen. Der Bloomberg-Index für Rohstoffe entwickelte sich derweil nach oben.

Die Woche voraus 

In der neuen Woche stehen eine Reihe von Preisdaten an, welche im Kontext der geldpolitischen Debatte besondere Berücksichtigung finden sollten. Den Einstieg machen die japanischen Erzeugerpreise gleich am Montag. Am Dienstag kommen die Verbraucherpreise aus den USA. Die Kernrate war hier im Vorjahresvergleich um 4,3% gestiegen. Für Großbritannien stehen diese einen Tag später an. Für die USA werden zusätzlich noch die Import- und Export-preise veröffentlicht, die im August zweistellig zugelegt hatten. Ein klares Signal, nicht nur für die konjunkturelle Erholung, sondern auch für die anhaltenden Verwerfungen bei den Lieferketten.

Bei den Konjunkturindikatoren sollten u.a. die am Mittwoch für China anstehenden Einzelhandelsumsätze und die Industrieproduktion hervorstechen. Hier erwarten die Konsensschätzungen für August eine kräftige Entwicklung, die im Vormonatsvergleich nur eine leichte Abschwächung zeigen sollte. Ebenfalls am Mittwoch kommen für die USA u.a. der Empire State Index, die Industrieproduktion und die Kapazitätsauslastung. Am Donnerstag folgen dann, ebenfalls für die USA, die Einzelhandelsumsätze, die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe und der Philly Fed Index. Die Woche klingt aus mit dem Verbrauchervertrauen der Universität von Michigan und den Einzelhandelsumsätzen aus dem Vereinigten Königreich. Insgesamt sollte sich das Bild einer Weltwirtschaft fortschreiben, die bei regionaler und sektoraler Differenzierung teilweise desyncron läuft, aber ihren Wachstumsgipfel bereits überschritten hat. Trotz des jüngsten Schwungverlusts erwarten wir für das Gesamtjahr 2021 weiterhin ein globales Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von rund 6 %, wenn auch mit Abwärtsrisiken.

Die technische Verfassung an den Aktienmärkten erscheint nach dem Lauf der letzten Wochen gemessen an den gleitenden Durchschnitten noch als tragfähig. Auch die Relative-StärkeIndikatoren zeigen nur partiell, z.B. für die USA, eine leicht überkaufte Lage an, was keinen unmittelbaren Abgabedruck erwarten lässt.

Bei erhöhten Inflationsraten, nachlassenden Konjunkturimpulsen und einem nur zögerlichen Umschwenken der Zentralbanken weltweit in Richtung höherer Leitzinsen bleibt der Anlagenotstand insgesamt weiter bestehen. Gemessen am ICE BofAML Global Fixed Income Markets Index rentieren ca. 30% des globalen Anleihemarktes unter 0%. Weitere ca. 40% liegen zwischen 0% und 1%.

Quelle: BondWorld