Scheurer Stefan Allianz GI

Allianz GI : Berechtigte Zweifel? 

Allianz GI :  Während es in den USA, Großbritannien und zuletzt auch in Europa zu einem deutlichen Fortschritt beim Impfprozess kam, wird die weitere konjunkturelle Entwicklung durch steigende Infektionen, neue Virusvarianten oder erneute Lockdowns erschwert.

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Von Dr.  Stefan Scheurer Director, Global Capital Markets & Thematic Research 


Insbesondere die rasch ansteigenden Infektionen in Indien nährten jüngst neue Zweifel an der Widerstandsfähigkeit der weltweiten wirtschaftlichen Erholung. Das Tauziehen zwischen Impffortschritt bzw. schrittweise Öffnung des öffentlichen Lebens und steigenden Infektionen dürfte weitergehen – und so begannen die globalen Aktienmärkte die abgelaufene Kalenderwoche durchwachsen.

Gut nur, dass in dieser Woche mehr als eine Milliarde an Impfstoffen weltweit verteilt wurden, denn vor allem in den Schwellenländern dominieren diverse COVID-Varianten das Infektionsgeschehen. Doch trotz der Bedenken scheint im Gegenzug die Wachstumsbeschleunigung weiter an Fahrt zu gewinnen, (siehe Grafik der Woche) und der globale sowie der US-Aktienmarkt erreichten ungeachtet der jüngsten Volatilität neue Allzeithochs. Dabei spielt mitunter neben dem Pandemie-Rettungspaket des Weißen Hauses im Ausmaß von 1,9 Billionen Dollar, auch die 1-2 Billionen Dollar an zusätzlichen Ausgaben eine wichtige Rolle, die Präsident Biden diese Woche vor dem US-Kongress vorstellte. Nicht zu übersehen sind viele alternative Hochfrequenzdaten aus den USA, die positive Wachstumssignale senden. Der wöchentliche Konjunkturindikator der New Yorker Fed weist u.a. darauf hin, dass das Wirtschaftswachstum in den USA viel stärker ist, als der Konsens derzeit prognostiziert.

Das anziehende Impftempo machte sich auch in Europa bemerkbar: Die vorläufigen Einkaufsmanagerindizes der Eurozone deuten auf eine stärkere konjunkturelle Erholung in den kommenden Monaten hin. Im Vereinigten Königreich stieg gar der Frühindikator auf den höchsten Wert seit 2013 – ein Hinweis auf den Nachfragestau sowohl von Verbrauchern als auch von Unternehmen. Und mit der Lockerung der Beschränkungen übertraf der Dienstleistungssektor erstmals seit der Pandemie in Großbritannien die Produktion – er stieg auf den höchsten Wert seit 2014. Diese Entwicklung machte sich auch beim ifo-Geschäftsklimaindex aus Deutschland bemerkbar – er hellte sich zum dritten Mal in Folge auf –, verdeutlicht aber gleichzeitig auch die global angespannte Lage bei Vorprodukten. Höhere Rohstoffpreise – Kupfer erreichte ein neues 10-Jahres-Hoch – sowie steigende Inputpreise dürften darauf hindeuten, dass sich in absehbarer Zukunft ein Inflationsdruck aufbaut. Die internationalen Notenbanker dürften diese zunehmende Inflationsdynamik genau verfolgen – die USInflationserwartungen stiegen auf den höchsten Stand seit April 2013. Die US-Notenbank erkennt zwar ein positiveres Konjunkturbild, sieht aber keine Dringlichkeit für eine Normalisierung ihrer Geldpolitik, ebenso die Bank of Japan. Die Europäische Zentralbank bekräftigte ihre Beschlüsse vom März zuletzt, u.a. werden die Anleihekäufe in bisherigem Ausmaß fortgeführt. Interessant allerdings, dass die Notenbank von Kanada als erste führende Zentralbank eine Reduzierung der Anleihekäufe beschlossen hat.

Die Woche Voraus

Zum Wochenstart blicken die Anleger in den USA auf den ISM Einkaufsmanagerindex (Mo), gefolgt von den US- Auftragseingänge am Dienstag. Von Mittwoch bis Freitag liegt der klare Fokus auf dem US-Arbeitsmarkt. Beginnend mit der ADP-Beschäftigungsentwicklung (Mi) und den wöchentlichen Arbeitsmarktstatistiken (Do), kommt die Aufmerksamkeit der Investoren der Beschäftigungsentwicklung (ohne Landwirtschaft) sowie der US-Arbeitslosenquote für April zu Teil (Fr). In Summe ein Potpourri an Konjunkturdaten, die die derzeitige konjunkturelle Sonderstellung der USA untermauern sollten.

Entgegen des kräftigen Zuwachses der Einzelhandelsumsätze in den USA dürften in der Eurozone die Einzelhandelsumsätze (Do) noch verhalten ausfallen. Auf Länderebene richtet sich der Fokus für Deutschland auf die Auftragseingänge der Industrie (Do) sowie der Industrieproduktion und den Außenhandelsdaten (beide Fr). Mit Blick auf das Vereinigte Königreich dürfte, nach den jüngsten Entscheidungen einiger führender Zentralbanken, mit Interesse die anstehende Zinsentscheidung der Bank of England verfolgt werden – die Diskussion über eine Drosselung ihrer Anleihekäufe könnte Fahrt aufnehmen. Besonderes Augenmerk in Asien liegt einmal mehr auf China. Aufmerksamkeit dürften neben dem privatwirtschaftlichen Einkaufsmanagerindex (Di, Do) – das sich nachlassende Konjunkturmomentum könnte sich darin widerspiegeln – auch die Handelsdaten (Fr) bekommen.

Wir nähern uns der heißen Phase in der aktuellen Q1-Berichtssaison, nachdem bereits in der abgelaufenen Woche 35 – 50% der US- und europäischen Unternehmen berichtet haben. Die Vorzeichen stehen gut, dass die Ergebnisse der Unternehmen besser als erwartet ausfallen dürften, sind sie doch u.a. ein Schlüssel, um die Aktienmärkte trotz teils hoher Bewertungen weiter zu stützen. Sicherlich sind die Zweifel berechtigt: kurzfristige technische Marktindikatoren zeichnen ein überkauftes Bild für globale Aktien, hinzu kommt eine bullische Positionierung. Auch die Saisonalität („Sell in May“) könnte bedeuten, dass wir uns in einer volatileren Marktphase befinden. Doch selbst wenn viele Indikatoren seit einiger Zeit Warnsignale senden, könnte es sich angesichts der sich verbessernden Fundamentaldaten und reichlicher (Zentralbank-)Liquidität nur um eine temporäre Verschnaufpause im langfristigen Aufwärtstrend handeln.

Aber selbst im Falle eines „Sell in May“ sollte nicht der zweite Teil dieser Börsianer-Regel vergessen werden: „And remember to come back – spätestens – in September“. Der Anlagedruck bleibt unverändert hoch. Die jüngsten Entwicklungen haben gezeigt, dass Renditeanstiege bei (US-)Staatsanleihen nicht notwendigerweise zu Aktienkursverlusten führen müssen. Die Welt impft sich von der Pandemie frei und hat einen hohen Nachholbedarf beim Konsum.

Berechtigte Zweifel? Ja, aber auch berechtigten Grund für weiteren Optimismus, meint Ihr

Quelle: BondWorld