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Allianz GI : Durchatmen

Allianz GI : Die Kapitalmärkte fanden zu Beginn der abgelaufenen Woche keine einheitliche Richtung.

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Von Stefan Scheurer – Senior Investment Strategist


Das änderte sich jedoch im Zuge von zahlreichen Nachrichten zu Unternehmensübernahmen sowie weiteren Anzeichen einer konjunkturellen Erholung – u.a. überraschten die chinesischen Wirtschaftsdaten erneut positiv. Doch während die anfängliche Konjunkturerholung von einem Nachholbedarf nach Konsumgütern getrieben wurde, deuten jüngste Daten auch auf eine erste Erholung bei den Unternehmensinvestitionen und der Lagerhaltung, nicht nur in China, sondern auch in den USA hin. Die Subkomponente „Neue Aufträge“ des ISM-Einkaufsmanager-index in den USA erreichte im August den höchsten Stand seit 16 Jahren. Und nachdem die Einzelhandelsumsätze bereits ihr Vor-Krisen-Niveau erreichen haben, wurden die Lagerbestände der US-Importeure angesichts der starken Nachfrage weiter aufgestockt. So sind die Kosten laut dem Shanghai Containerized Freight Composite Index (SCFI) für Verschiffungen von Shanghai zur US-Westküste auf ein Allzeithoch gestiegen – das entspricht einer Verdoppelung der Kosten innerhalb der letzten drei Monate.

Ungeachtet dessen trug die US-Notenbank in der abgelaufenen Woche dem breiten Konjunkturaufschwung Rechnung, indem sie ihre Wachstums- und Inflationsprognosen für das laufende Jahr nach oben revidierte. Und dass, obwohl die Inflationserwartungen für die nächsten fünf bzw. zehn Jahre in letzter Zeit ins Stocken geraten sind. Das dürfte unter anderem nicht zuletzt auch an dem Ölpreis liegen, der im Zuge zunehmender Sorgen über die zukünftige Ölnachfrage bzw. eines stärkeren Angebots der OPEC+ Staaten unter Druck kam (siehe Grafik der Woche). Entsprechend werden die ersten USZinsschritte nicht vor 2023 eingepreist.

In Summe ist und bleibt die zukünftige konjunkturelle Entwicklung vom weiteren Verlauf der Pandemie abhängig. Hoffnung gibt es von Seiten der Weltgesundheitsorganisation. Mittlerweile befinden sich mehr als 170 Impfstoffkandidaten in der klinischen Überprüfung und deren Aussicht auf eine zeitnahe Genehmigung – Wirksamkeit vorausgesetzt – könnte zu einer schnelleren, kräftigeren zyklischen Wachstumsbelebung führen.

Die Woche Voraus: Durchatmen bei der konjunkturellen Erholung

Die kommende Kalenderwoche startet in den USA mit diversen Frühindikatoren (Mo und Di), die, ebenso wie der vorläufige Markit Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe am Mittwoch, ein Durchatmen der konjunkturellen Erholung nach einem rasanten Aufholprozess andeuten könnten. Im Zuge dessen könnte es zwar eine erneute leichte Entspannung bei den Erstanträgen auf Arbeitslosenunterstützung (Do) geben, doch insgesamt bliebt die Lage am US-Arbeitsmarkt weiterhin angespannt. Zum Ende der Woche werden die Auftragseingänge für langlebige Wirtschaftsgüter (Fr) veröffentlicht. Nach den starken Zugewinnen im Vormonat wird laut Konsensus nur mit einem Wachstum von 1% gegenüber Vorjahr gerechnet.

In der Eurozone richtet sich die Aufmerksamkeit insbesondere auf die vorläufigen Einkaufsmanagerindizes für das verarbeitende Gewerbe (Mi). Mit Interesse dürfte dabei verfolgt werden, ob und inwiefern die zuletzt erhöhten Infektionszahlen, insbesondere in Frankreich und UK, sich auf das verarbeitende Gewerbe ausgewirkt haben könnten. Auf Länderebene richtet sich der Fokus in Deutschland auf das GfK Konsumentenvertrauen (Mi) sowie dem ifo-Geschäftsklimaindex am Donnerstag. Nach der deutlichen Stimmungsaufhellung in deutschen Unternehmen im August, wird mit Spannung erwartet, ob sich der Erholungskurs auch im September fortsetzen kann.

Der Fokus in Asien liegt einzig auf Japan und dessen Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe (Mi), wenngleich dieser seinen globalen Pendants in der Entwicklung hinterherhinken dürfte.

Aufhellung der Stimmung auf Unternehmensseite vs. fortwährende Skepsis der Anleger

Die von den US-Technologiewerten entfachte Nervosität an den US-Aktienmärkten scheint sich nach Verlusten von bis zu 10% innerhalb von zwei Wochen wieder gelegt zu haben. Das „Durchatmen“ wurde eher zum Aufbau von Positionen genutzt, auch wenn eine Wertentwicklung von 60% (S&P 500) bzw. über 70% (Nasdaq) seit Mitte März auf der Kurstafel steht. Nach vorne blickend sollte man jedoch folgende (geo-)politische Risiken nicht außer Acht lassen: die Brexit-Verhandlungen gehen in die heiße Phase und in sieben Wochen finden die USPräsidentschaftswahlen statt, mit Themen von der Steuer- bis zur Handelspolitik, insbesondere gegenüber China. Das könnte zu erhöhter Volatilität führen, gleichzeitig aber auch zu taktischen Möglichkeiten, blickt man bereits auf das kommende Jahr. Sollten sich die Gewinnwachstumsraten für den S&P 500 von deutlich über 20% gegenüber Vorjahr und Wachstumsprognosen allein für die US-Konjunktur von 5% bewahrheiten, könnte zusätzliches Kapital in die Märkte fließen und zu einer stärker diversifizierten Anlegerbasis führen. Denn während sich die Stimmung auf Unternehmensseite aufhellt, spiegelt sich die immer noch bestehende Skepsis der Anleger fortwährend in der Positionierung wider – der Anteil der Bären unter US-Investoren liegt laut der American Association of Individual Investors (AAII) bei aktuell fast 50%. Das, zusammen mit der Neigung der Zentralbanken, im Eventualfall eher noch expansiver zu werden, sollte die risikoreicheren Kapitalmarktsegmente, zu denen auch die Aktien gehören, weiter begünstigen.

Quelle: BondWorld