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Allianz GI : Gipfel im Blick

Allianz GI : Auf einer Bergwanderung bedeutet es oft einen kräftigen Motivationsschub für die letzte Etappe, wenn der Gipfel ins Blickfeld gerät.

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Von Dr. Stefan Rondorf Senior Investment Strategist, Global Economics & Strategy


Übertragen auf die Kapitalmärkte stellt sich diese Situation leider nicht ganz so eindeutig dar. Im Umfeld einer Gipfelbildung von Konjunkturdynamik beziehungsweise positiver Überraschungen für Wachstum und Gewinnen legten Aktienmärkte in der Vergangenheit gerne mal eine Verschnaufpause auf dem Weg nach oben ein.

Die Frage, ob wir uns einem konjunkturellen Gipfel annähern stellt sich derzeit für die Wachstumslokomotive der letzten Monate, die Vereinigten Staaten. Nach einer starken Aufholbewegung für das Dienstleistungsgewerbe erreicht der vorläufige KompositEinkaufsmanagerindex für Mai den Rekordstand von 68,1 – ein Niveau, das in den nächsten Monaten erst einmal verteidigt werden muss. Die Konsensschätzung für das US-Wachstum für 2021 startete das Jahr bei ca. 4%, nun liegt sie bei ca. 6,5%. Auch das Verhältnis von Aufwärts- zu Abwärtsrevisionen bei den Gewinnschätzungen hat sich für den USLeitindex S&P 500 nach der fulminanten Berichtssaison zum ersten Quartal auf ein sehr hohes Niveau bewegt.

Woanders ist der Gipfel entweder noch deutlich weiter entfernt oder er wurde bereits durchschritten. In der Eurozone beispielsweise fängt der Dienstleistungssektor gerade erst an, aus der pandemiebedingten Lethargie zu erwachen, auch wenn die Produktion zumindest in Deutschland schon mit hoher Drehzahl läuft. Auch in China geht es für den Service-Sektor wieder aufwärts, bei anderen Indikatoren wie der Kreditvergabe scheint die höchste Dynamik nach dem frühen Ausbrechen aus der Pandemie aber bereits wieder abzuebben, auch um latenten Überhitzungserscheinungen, beispielsweise auf den Immobilienmärkten vorzubeugen und den Weg für ein beständiges Wachstum zu ebnen.

Die Woche voraus

Nachdem in der abgelaufenen Woche ein wenig Durchatmen im volkswirtschaftlichen Kalender möglich war, nimmt der Datenkranz zum Monatsanfang im Juni wieder Fahrt auf. Eine neue Runde weltweit veröffentlichter Einkaufsmanagerindizes bringt Aufschluss über die regionalen und sektoralen Wachstumstrends in einem in vielen Industrieländern von der Wiedereröffnung der Wirtschaftsaktivität geprägten Umfeld. Hier dürfte die starke Vorlage der Flash-Schätzungen in vielen Fällen bestätigt werden.

Am Freitag wartet dann der Höhepunkt der Woche auf uns: der US-Arbeitsmarktbericht für den Mai. Nach der massiven Enttäuschung im Vormonat dürfte die Zahl merklich höher als im April ausfallen, insgesamt waren die zwischenzeitlichen Signale vom Arbeitsmarkt recht stark. Dennoch ist eine recht zögerliche Rückkehr der US-Arbeitnehmer auf den Arbeitsmarkt zu beobachten. Mit Blick auf die Inflationsdiskussion dürften auch die Stundenlöhne zunehmend Beachtung finden. In diesem Zusammenhang ist auch die erste Schätzung der EurozonenKonsumentenpreisinflation für Mai am Dienstag interessant. Basiseffekte und anspringende Nachfrage in Kombination mit Angebotsengpässen bei verschiedensten (Vor-)Produkten könnten die Inflationsrate erstmals seit 2018 in die Nähe des EZB-Ziels von knapp 2% bewegen oder sogar darüber.

Davor werden in der nächsten Woche noch aus Japan die vorläufige Industrieproduktion für den April und die Einzelhandelsumsätze veröffentlicht. Auch verursacht durch eine schleppende Impfkampagne fiel Japan zuletzt wieder in die Rolle eines konjunkturellen Sorgenkinds zurück, auch wenn die Exportnachfrage und die Produktion sich im globalen Trend ordentlich beschleunigen konnten.

Den Gipfel der US-Konjunktur im Blick behalten

Die Kombination von wieder eröffnender Wirtschaft, kraftvoller fiskalischer Unterstützung und immer noch expansiver Geldpolitik untermauert unser Basisszenario eines starken globalen Wachstums im Jahresverlauf. Dennoch könnte das Zusteuern der US-Konjunktur auf einen Gipfel in der Wachstumsdynamik die Korrekturanfälligkeit der USAktienmärkte erhöhen, die zunehmend einen kräftigen Post-Pandemie-Boom antizipieren. Es eröffnet aber auch Chancen auf Outperformance in Europa, wo sich nun auch eine dynamische Erholungsbewegung abzeichnet. Dies könnte auch auf eine längere Zeit nicht im Fokus stehende Region wie Osteuropa ausstrahlen

Quelle: BondWorld