Meier Greg Allianz GI

Allianz GI : „Normal“ ist wieder angesagt 

Allianz GI : Bei chancenreichen Vermögenswerten fand in den vergangenen Wochen ein kräftiger Kursanstieg statt. Anleger scheinen die tiefste Rezession seit der Weltwirtschaftskrise schon ad acta gelegt zu haben.

Abonnieren Sie unseren kostenloser Newsletter


von Greg Meier Senior Economist Direktor


Wir wissen inzwischen sehr viel mehr über das Virus, und die Infektionsschwerpunkte haben sich verschoben (in einigen Fällen sind die Infektionen sogar wieder aufgeflammt). In zahlreichen Ländern werden die Quarantänemaßnahmen jedoch allmählich aufgehoben und die Wirtschaft wird wieder hochgefahren.

Damit steigt auch das Interesse der Anleger wieder. Wenn das Virus durch Maßnahmen wie Abstandhalten, Gesichtsmasken, Tests, Kontaktverfolgung und Kontrollen der Körpertemperatur in Schach gehalten werden kann, ist es vielleicht möglich, den Einsatz von Quarantänemaßnahmen zu begrenzen und schneller zur ‚Normalität‘ zurückzukehren. Dies wirkt sich wiederum auf die Form der Erholung aus – und nicht zuletzt deshalb hat die Kursentwicklung an den Märkten einen ‚V-förmigen‘ Verlauf genommen (vgl. die Grafik der Woche).

Die Konjunkturerwartungen verbessern sich jedoch langsamer. Einige Effekte der Pandemie dürften langfristig zu spüren sein, z.B. ein verändertes Verbraucherverhalten, dauerhafte Arbeitsplatzverluste oder Ausgabenkürzungen der Staaten/Unternehmen. Telearbeit und Interneteinkäufe sind inzwischen normal, und es könnte noch einige Zeit dauern, bis Unternehmenskonferenzen wieder mit allen Teilnehmern stattfinden oder Sportstätten und Flugzeuge wieder voll ausgebucht sind.

Wie lässt sich die unterschiedliche Entwicklung an den Märkten und in der Wirtschaft erklären? In einer ersten Phase könnte es – ähnlich wie beim Shutdown, nur in umgekehrter Richtung – zu einer abrupten und möglicherweise kräftigen wirtschaftlichen Erholung kommen. Nach dieser ersten Öffnung ist dann in der zweiten Phase mit der Behebung längerfristiger struktureller Schäden zu rechnen. Alle Prognosen sind derzeit mit größeren Unsicherheiten als sonst behaftet, wobei sowohl Aufwärts- als auch Abwärtspotenzial besteht.

Die kommende Woche 

Zahlreiche Wirtschaftsdaten stehen an. Ab Montag erfahren wir mehr über Chinas Erholung nach der Pandemie. In China trat das Virus zuerst auf; das Land konnte die Infektionszahlen zuletzt jedoch ohne Massenquarantäne und Unternehmensschließungen unter Kontrolle halten. In Wuhan, wo die Pandemie ihren Anfang nahm, hat die Regierung vor kurzem innerhalb von 19 Tagen knapp 10 Millionen Menschen getestet und lediglich 300 asymptomatisch verlaufende Fälle gefunden. Der Konsens rechnet für Mai mit einem weiteren Anstieg der Industrieproduktion, der Einzelhandelsumsätze und der Anlageinvestitionen in China gegenüber dem Vormonat.

Am Dienstag steht eine geldpolitische Entscheidung der Bank of Japan an. Außerdem werden die ZEW-Umfragedaten für Deutschland, die Arbeitslosenzahlen für Großbritannien und zahlreiche US-Daten veröffentlicht, u.a. zu Einzelhandelsumsätzen, Industrieproduktion, Lagerbeständen der Unternehmen und dem Vertrauen im Wohnungsbau. In den USA werden die Daten wohl von den in einigen Fällen niedrigsten je verzeichneten Niveaus aus wieder ansteigen. In Großbritannien bzw. Deutschland könnten die Arbeitslosenzahlen bzw. die Konjunkturerwartungen dagegen etwas ungünstiger ausfallen.

Auch Mittwoch und Donnerstag stehen neue Daten an, nämlich Export- und Importzahlen für Japan (voraussichtlich noch etwas schwächer), die Kerninflationsrate für Großbritannien (wahrscheinlich etwas höher) und eine geldpolitische Entscheidung der Bank of England. In den USA wird das Augenmerk auf den Baubeginnen, den Frühindikatoren und den wöchentlichen Erstanträgen auf Arbeitslosenunterstützung liegen; bei allen Datenreihen wird mit einer Verbesserung gerechnet.

 Am Freitag klingt die Datenflut dann leicht ab; es stehen noch die Einzelhandelsumsätze in Großbritannien, die Produzentenpreise in Deutschland und die Verbraucherpreise in Japan auf dem Kalender. In Großbritannien dürften die Einzelhandelsumsätze um über 18% gegenüber dem Vormonat einbrechen. Dagegen könnte sich die Deflation in Deutschland und Japan marginal verlangsamen.

Active is: Ein Blick auf die Reflation 

Anlegerumfragen zufolge besteht nach wie vor ein beträchtliches Interesse an sicheren Häfen und hohen Barbeständen. In einigen Anlageklassen baut sich jedoch eine „Reflation“ auf. Die Ölpreise haben ihre Talsohle erreicht, und die Renditen von US-Staatsanleihen („Treasuries“) steigen nach einer Trendumkehr wieder an. Sofern diese Veränderung der Marktdynamik von Dauer ist, könnten zyklische Titel, Small Caps, europäische und japanische Aktien davon profitieren. Der US-Dollar könnte durch höhere Short-Positionen (ein konträres Signal) und die Aufwertung von Rohstoffwährungen (australischer Dollar, kanadischer Dollar und norwegische Krone) unter Druck geraten.

Quelle: BondWorld