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Allianz GI : Sell in May and go away?

Allianz GI :  Nachdem an einigen Börsen neue Höchststände erreicht wurden, fehlte der Schwung in der abgelaufenen Woche dann doch etwas.

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Von Dr.  Hans-Jörg Naumer 


Es ist aber auch schwer mit immer neuen, positiven Aussichten zu überraschen. Die Impfungen kommen voran und erste Volkswirtschaften streifen den „Lockdown“ mehr und mehr ab, wenn auch nicht überall. Insbesondere in Brasilien und Indien stiegen die Zahlen bei den Corona-Erkrankungen deutlich. Langsam, ganz langsam spielt sich die Erkenntnis ein, dass der, wenn auch kurvenreiche, Weg zurück in die Normalität nicht nur weiter anziehende Preise mit sich bringen dürfte, sondern dass auch der expansiven Geldpolitik der großen Notenbanken mehr und mehr die Begründung abhandenkommt. Die Breakeven-Inflationsraten in den USA und dem Euroland stiegen weiter an. Bei der Europäischen Zentralbank scheint sich dies allerdings noch nicht herumgesprochen zu haben. Ihre Sitzung am vergangenen Donnerstag verlief unspektakulär. Wie gewohnt dominiert weiter die Vorsicht. Vorsicht vor was? Eine Frage der Zeit, wann sich die Zentralbank fragen lassen muss, ob sie nicht „hinter der Kurve“ – also hinter den Erwartungen der Anleihemärkte – hinterherhinkt.

Die konjunkturelle Entwicklung wie auch die Prognosen zeigen in Richtung Erholung. Das sollte sich auch in der neuen Woche wieder bestätigen.

Last not least tagen die Bank of Japan und die US-Zentralbank Federal Reserve. Eine Änderung der Geldpolitik ist in beiden Fällen nicht zu erwarten. Es ist aber nicht auszuschließen, dass bei der Fed die Betonung der konjunkturellen Erholung ein erster, kleiner Fingerzeig in Richtung einer Normalisierung bei der Liquiditätsvergabe ist.

Die Woche Voraus

Die Datenlange in der kommenden Woche wird dominiert von vorlaufenden Stimmungsindikatoren. Am Montag steht der ifoKonjunkturklimaindex für Deutschland an. Aus den USA kommen die langlebigen Gebrauchsgüter und der Dallas-Fed Indikator für das verarbeitende Gewerbe. Am Dienstag dann das Verbrauchervertrauen des Conference Boards für die größte Ökonomie der Welt. Am Mittwoch folgt das GfK-Verbrauchervertrauen für Deutschland. Ein wichtiger Stimmungstest darüber, was in Deutschland dominiert: Die berechtigte Hoffnung auf steigende Impfquoten oder die debattierten Verschärfungen des Lockdowns. Am Donnerstag kommt dann die Wirtschaftsstimmung für die Eurozone. Zum Wochenschluss folgen die Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes im ersten Quartal für die USA und die Eurozone. Im gesamten Datenset sollte sich die divergierende Entwicklung bei der Pandemiebekämpfung widerspiegeln.

Noch dominieren die positiven Überraschungen auf Seiten der Konjunktur, d.h. die MakroAnalysten kommen mit ihren Schätzungen der sich weiter positiv entwickelnden Realität nicht hinterher. Aber diese Dynamik sollte nachlassen. Die Wachstumserwartungen wurden für alle Regionen immer weiter angehoben. Für die USA erwartet der Konsensus für 2021 laut Bloomberg ein reales Wachstum von im Durchschnitt 6,2%

Die Entwicklung der Gewinnrevisionen selbst lässt erwarten, dass diese über die nächsten Wochen hinweg ihren Hochpunkt überschreiten, während die aktuell laufende Berichtssaison von einer positiven Dynamik geprägt wird. Gut 10% der im S&P 500 enthaltenen Firmen haben bereits berichtet. 84% davon übertrafen die Gewinnerwartungen der Analysten. Bei den Finanzwerten waren es sogar 94%, während die nicht konjunktursensiblen Gebrauchsgüter nur zu 75% überraschten.

Technisch betrachtet gehen die besten Monate eines Jahres an den Aktienmärkten zu Ende. Diese liegen aus rein historischer Betrachtung im Zeitraum Oktober bis April. Nun ist der alte Spruch „Sell in May and go away“ keine Gesetzmäßigkeit, aber es sollte zumindest mit größerer Unruhe gerechnet werden. Die Stimmungslage unter den Privatinvestoren, gemessen am Anteil der nach der American Association of Individual Investors „bullish“ gestimmten Anlegern, ist ausgesprochen gut, was oft ein Kontra-Indikator ist. Die Volatilität ist weiter gesunken. Je höher aber der Grad der Entspannung ist, desto schneller kann diese durch negative Überraschungen gestört werden. Die Relative-Stärke-Indikatoren zeigen in weiten Bereichen ein „überkauftes“ Börsenumfeld an. Die Inflationsentwicklung und die damit verbundenen geldpolitischen Erwartungen, besonders mit Blick auf die US-Notenbank , bieten sich als möglichen Anlass für Glattstellungen an, oder auch negative Überraschungen auf Seiten der konjunkturellen Entwicklung.

Auch das Token Bitcoin, welches gemeinhin als Währung betrachtet wird, kann als Indikator für ein zu hohes Maß an Sorglosigkeit gewertet werden. Zwar gab es in jüngerer Zeit auch Kursrückschläge, da die Bitcoin-Fans sich mehr und mehr dem Risiko der Regulatorik gegenübersehen, das Bitcoin-Phänomen bleibt aber u.a. auch ein Phänomen von einer überbordenden Zentralbank-Liquidität (siehe Grafik der Woche) und kann als früher Blasen-Indikator gewertet werden. Dazu Kapriolen bei „Dogecoin“.

Insgesamt scheint in den kommenden Wochen bei den mit Risiko behafteten Anlageklassen mehr Vorsicht geboten.

Aber selbst im Falle eines „Sell in May“ sollte nicht der zweite Teil dieser Börsianer-Regel vergessen werden: „And remember to come back – spätestens – in September“. Der Anlagedruck bleibt unverändert hoch. Die jüngsten Entwicklungen haben gezeigt, dass Renditeanstiege bei (US-)Staatsanleihen nicht notwendigerweise zu Aktienkursverlusten führen müssen. Die Welt impft sich von der Pandemie frei und hat einen hohen Nachholbedarf beim Konsum.

Quelle: BondWorld