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Allianz GI : Sweet spot

Allianz GI : Das dritte Quartal bestätigt bis jetzt die Hoffnungen vieler Investoren: Es zeigt sich eine dynamische Wachstumserholung, gepaart mit einer extrem expansiven Geldund Fiskalpolitik.

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Von Stefan Rondorf –  Senior Investment Strategist, Global Economics & Strategy


Dazu kommt eine gewisse Beruhigung beim Infektionsgeschehen – nicht unbedingt bei den Fallzahlen, aber bei den Todesfällen und Krankenhausaufenthalten. Die Kapazitäten im Gesundheitswesen scheinen in vielen großen Ländern derzeit zur Behandlung der Fälle auszureichen. Insgesamt scheinen wir uns an einem sehr günstigen Punkt im Zyklus, an einem „sweet spot“ zu befinden. Anleger auf den Märkten für Aktien, Unternehmensanleihen und Rohstoffen setzen weiter auf eine Fortsetzung eines solch günstigen Szenarios.

In den letzten Wochen hat sich die Mehrzahl globaler Konjunkturindikatoren weiter nach oben bewegt, quer über alle Regionen. Die Einkaufsmanagerindizes Anfang September zeigen insbesondere für das Verarbeitende Gewerbe weitere Verbesserungen an. Robuste Auftragseingänge zeigen für die Produktion weiteres Verbesserungspotential auf. Viele Läger müssen nach den Pandemie-bedingten Produktionsausfällen wieder aufgefüllt werden, um für die steigende Nachfrage gerüstet zu sein. Dagegen stockt im Dienstleistungssektor in einzelnen Ländern die Aufholbewegung, oft im Zusammenhang mit wieder steigenden Infektionszahlen. Regionale Unterschiede machen sich weiter bemerkbar: China scheint sowohl bei der Produktion als auch im Dienstleistungssektor wieder mehr Fahrt aufzunehmen, während Japan eine im globalen Vergleich gedämpfte Erholungsbewegung aufweist.

Auf der Zentralbankseite bleibt es bei maximaler Unterstützung. Nach dem letzten Arbeitsmarktbericht hat der Präsident der Federal Reserve, Jerome Powell, eine Phase jahrelanger Niedrigzinsen in den USA bekräftigt. Auch die EZB lässt die Tür für weitere Stimulusmaßnahmen weit offen.

Fiskalpolitisch laufen global weiter massive Unterstützungsprogramme, einige wie das deutsche Kurzarbeitergeld wurden schon vor geraumer Zeit verlängert. In den USA gibt es zwar noch keine Einigung über ein neues Fiskalpaket, dennoch dürfte die herannahende Präsidentschaftswahl über die nächsten Wochen mehr Druck auf Demokraten und Republikaner aufbauen, sich zumindest in Teilbereichen zu einigen – insbesondere über eine klare Regelung, ob es eine erneute Aufstockung der Arbeitslosenhilfe geben wird und wie hoch diese ausfallen wird.

Die Woche voraus

Der Fokus der kommenden Woche dürfte am Mittwoch auf dem Treffen des geldpolitischen Ausschusses der Federal Reserve liegen, vor allem in Hinblick auf das angepasste Inflationsziel. Die Zentralbank hatte Ende August angekündigt, zur Stabilisierung der Inflationserwartungen in Zukunft auch Perioden mit Inflation über 2% zu tolerieren um vorherige Perioden mit (zu) niedriger Inflation auszugleichen („Durchschnittsinflationsziel“).

Mit Spannung wird verfolgt werden, ob diese Änderung sofort geldpolitische Konsequenzen entfaltet. Denkbar wäre die Verlautbarung einer zielorientierten „Forward Guidance“. Dies bedeutete letztlich das Versprechen, die Zinsen bis zum Erreichen eines bestimmten Inflationsniveaus nicht mehr anzuheben. In den USA werden außerdem die Industrieproduktion und die Einzelhandelsumsätze für August berichtet, sowie das Verbrauchervertrauen gemäß University of Michigan, welches im Vormonat einen Dämpfer erlitten hatte.

Für die Eurozone steht die Industrieproduktion aus dem Juli im Datenkalender, aus China kommt der Datenkranz aus dem August, unter anderem mit Einzelhandelsumsätzen und Industrieproduktion. Gute Daten aus China könnten die globale Konjunkturerholung untermauern.

Den „sweet spot“ erkennen

Der günstige Mix aus Konjunkturerholung und maximalem Stimulus wird nur eine begrenzte Zeit anhalten. Selbst wenn das Infektionsgeschehen in der kälteren Jahreszeit eine weitere Konjunkturerholung zulässt, könnte sich die Dynamik allmählich abschwächen. Die Möglichkeiten für noch mehr geldpolitische Stimuli sind begrenzt, und auch die Regierungen werden irgendwann mit Budgetzwängen konfrontiert werden. Politisch brisant könnte sich die konfrontative Haltung Großbritanniens bei den BrexitVerhandlungen erweisen. Nach dem die Nervosität bei einer Handvoll hochgejubelter US-Technologiewerte zunehmend steigt, bieten sich weiterhin Chancen in anderen Regionen, zum Beispiel in Europa und China.

Quelle: BondWorld