Scheurer Stefan Allianz GI

Allianz GI : Umkehr?

Allianz GI : Es ist eine hoffnungsvolle Entwicklung: Die Anzahl der weltweiten Virus-Neuinfektionen hat sich seit den letzten beiden Wochen im Trend leicht rückläufig entwickelt.

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Von Stefan Scheurer Director, Global Capital Markets & Thematic Research


Ob diese Entwicklung jedoch nachhaltig ist, muss sich erst zeigen, denn in Europa und in einzelnen Staaten der USA ist jene Anzahl an Neuinfektionen in jüngster Vergangenheit bereits wieder gestiegen. Schier unbeeindruckt erschienen hingehen die internationalen Kapitalmärkte. Angetrieben durch die Hoffnung auf einen zeitnahen Impfstoff sowie positive Handelsgespräche zwischen den USA und China erzielten die US-amerikanischen Aktienmärkte (S&P 500 und NASDAQ) weitere Allzeithochs.

Unterstützend war sicherlich dabei die konjunkturelle Entwicklung. Durch Fortschritte bei der Eindämmung der COVID-Pandemie und der signifikanten geld- und fiskalpolitischen Stimuli, stiegen die Citi Economic Surprise Indizes weiter an und die Konsensus-Prognosen zum Wirtschaftswachstum legten zum ersten Mal seit sechs Monaten zu. Obwohl diese starke Verbesserung auf eine “V-förmige” Erholung hindeuten könnte, ist unserer Meinung nach weiterhin eine vorsichtigere Sichtweise gerechtfertigt. Da sich diese Unterstützungsfaktoren in den kommenden Monaten voraussichtlich abschwächen oder sogar umkehren, dürfte der Höhepunkt der kurzfristigen Erholungsdynamik bereits im laufenden Quartal erreicht werden. Neben ersten Frühindikatoren in den USA oder den aktuellen Einkaufsmanagerindizes in der Eurozone, deuten in der Tat auch mehrere alternative hochfrequente Wirtschaftsindikatoren und Mobilitätsdaten bereits auf einen Verlust der Aufwärtsdynamik hin. Beispielsweise bewegen sich die Inlandsflüge in den USA bzw. der öffentliche Nahverkehr in New York zwischen 70- 80% unterhalb der Niveaus vom Anfang des Jahres, während in Frankreich, Italien oder Südkorea per Mitte August die Kundenfrequenz im Einzelhandel zwischen 30-40% unter Vorjahr liegt – oder 10 Prozentpunkte schlechter als noch Anfang August.

Eine Umkehr der geldpolitischen Ausrichtung der Fed dürfte auf dem jährlichen wirtschaftspolitischen Symposium der Kansas City Fed in Jackson Hole (27.-28.August) hingegen nicht zu erwarten sein – im Gegenteil. Unter dem Motto “Navigating the Decade Ahead: Implikationen für die Geldpolitik” sollten sich die Anzeichen im Rahmen der Überprüfung des geldpolitischen Rahmens verdichten, dass die Fed künftig einen so genannten flexiblen, auf den Durchschnitt der Inflation ausgerichteten Ansatz verfolgt. Als Folge könnte die marktbasierte Inflationskompensation weiter moderat ansteigen, während die Leitzinsen länger niedrig („Zentralbank-Put“) bzw. die Realzinsen gar im negativen Bereich verharren dürften.

Die Woche Voraus: Arbeitsmarkt im Fokus der Anleger 

In den USA startet die kommende Kalenderwoche mit weiteren Frühindikatoren, insbesondere dem vielbeachteten ISM-Einkaufsmanagerindex (Di). Das Hauptaugenmerk dürfte allerdings die Entwicklung des US-Arbeitsmarktes sein. Die erste Indikation liefert am Mittwoch der ADP-Bericht zur Beschäftigung in der Privatwirtschaft, gefolgt von den wöchentlichen Erstanträgen auf Arbeitslosenhilfe (Do), der Beschäftigungsentwicklung außerhalb der Landwirtschaft bzw. der Arbeitslosenquote für den abgelaufenen Monat August (beide Fr). Laut den Prognosen dürfte sich der US-Arbeitsmarkt weiter leicht erholen, allerdings könnte sich dies etwas verzögern, sollte die Zahl der Corona-Fälle in manchen Landesteilen weiter steigen.

Wie in den USA dürfte auch für die Eurozone die Entwicklung am Arbeitsmarkt mit Interesse verfolgt werden (Di). Aufgrund der Tatsache, dass der Arbeitsmarkt im Euroraum sich keineswegs einheitlich, entwickelt, dürften Mitgliedsstaaten wie Italien oder Spanien, die stärker von der CoronaKrise betroffen sind, sich auch nur schwerer erholen. Das gleiche heterogene Bild könnte sich auch bei den vorläufigen (Kern-) Verbraucherpreise (Di) zeigen, denn Teile der Eurozone, u.a. Spanien, Griechenland und Italien sind schon seit Monaten in der Deflation. Zu guter Letzt: wieder positiv gestimmte Verbraucher sollten den Einzelhandel im Juli abermals gestützt haben (Do).

Der Fokus in Asien liegt zu Beginn der Woche insbesondere auf den Einkaufsmanagerindizes für das verarbeitende Gewerbe in China – vom staatlichen Statistikamt (NBS) am Montag bzw. jenem privatwirtschaftlichen (Caixin) Index, der sich mehr auf kleine und mittlere exportorientierte Unternehmen konzentriert, am Dienstag. Bei beiden könnte sich laut Konsensus die Dynamik der letzten Monate etwas abschwächen oder sogar leicht umkehren.

Bestehende Skepsis könnte sich in verstärkte Risikobereitschaft umkehren

Die gestiegene Risikobereitschaft hielt auch in der abgelaufenen Woche weiter an, wenngleich die immer noch bestehende Skepsis der Anleger bezüglich der Nachhaltigkeit der konjunkturellen Erholung sich auch in der Positionierung bemerkbar macht. Der Anteil der Bären unter den USInvestoren liegt laut der American Association of Individual Investors (AAII) aktuell bei 42%. Das sollte allerdings gleichzeitig das Enttäuschungspotential begrenzen, während ein Schwenk in Richtung der Bullen sich im Zuge einer verbesserten wirtschaftlichen Lage und einer weiteren Reduzierung der globalen Neuinfektionen vollziehen könnte. Zu dieser erhöhten Risikobereitschaft dürfte auch der Anlagenotstand beitragen – Geldmarktfonds verzeichneten laut EPFR in den letzten beiden Wochen Nettomittelabflüsse von 50 Mrd. US-Dollar –, während mit der Neigung der Zentralbanken, im Eventualfall eher noch expansiver zu werden, die risikoreicheren Kapitalmarktsegmente, zu denen auch die Aktien gehören, weiter begünstigen sollte.

Quelle: BondWorld