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Allianz GI : Vertrauen auf die Zentralbank-Puts

Allianz GI : Immer wieder kommt es auf Seiten der harten Fakten bei der Konjunktur zu positiven Überraschungen, die zeigen, dass der Coronavirus Einbruch der Ökonomien seinen Boden hinter sich gelassen zu haben scheint.

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Von Dr. Hans-Jörg Naumer Director Global Capital Markets & Thematic Research


So legten die italienische und die französische Industrieproduktion im Mai deutlich stärker zu, als dies die Analysten vorwegnahmen. Die KonsensusSchätzungen, welche den Durchschnitt der Analystenerwartungen abbilden, zeigen auch mittlerweile bei den Prognosen zum Bruttoinlandsprodukt 2020 eine Bodenbildung an.
Was auffällt: Jene Prognosen ergeben im Durchschnitt ein deutlich optimistischeres Bild für die Wachstumserwartungen der großen Ökonomien der Welt, als dies öffentliche Institutionen wie der Internationale Währungsfonds (IWF), die OECD oder auch die nationalen Notenbanken prognostizieren. So geht der IWF z.B. davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt der USA 2020 um 8% schrumpft. Die KonsensusSchätzungen gehen von einem Rückgang von knapp 6% aus. Für die Eurozone prognostiziert der Währungsfonds eine Kontraktion von leicht über 10%, der Konsensus von lediglich leicht über 8%. Während so gut wie überall Rückgänge erwartet werden, gibt es einen positiven Ausreißer: China. Hier erwartet der IWF ein Wachstumsplus von einem Prozent. Für chinesische Verhältnisse ist das wenig, aber für Corona-Zeiten wäre das ein bemerkenswertes Ergebnis .

Allerdings: Das Virus nimmt weiter seinen Lauf um die Welt. Die tägliche Zahl der Neuerkrankungen ist global betrachtet weiter am Steigen. Zahlenmäßig liegen Lateinamerika und die USA auf den ersten Plätzen. Die Pandemie ist in der größten Volkswirtschaft der Welt nicht unter Kontrolle. Sechs Bundesstaaten haben den Lockerungsprozess wieder zurückgenommen. 14 weitere haben die Pausetaste gedrückt. Die Anzahl der internationalen Reiserestriktionen hat sich über den Mai hinweg zwar verringert, zeigt aber zuletzt wieder eine leichte Zunahme an.

Die Woche voraus: Geprägt von Stimmungsindikatoren

In der kommenden Woche stehen hauptsächlich vorlaufende Stimmungsindikatoren zur Veröffentlichung an. Der Datenkalender gewinnt am Dienstag an Schwung mit dem Aktivitätsindex für Chicago. Am Mittwoch folgen die Einkaufsmanagerindizes für Japan. Am Donnerstag dann stehen das Verbrauchervertrauen für die Eurozone und deren Mitgliedsstaaten an, sowie das GfK-Verbrauchervertrauen für Deutschland an. Am Freitag bilden die vorläufigen Einkaufsmanagerindizes für das verarbeitende wie das nichtverarbeitende Gewerbe in der Eurozone und den USA den Abschluss. Insgesamt sollten die Daten das Bild einer sich vom Lockdown befreienden Weltwirtschaft fortschreiben, wenn auch nicht zu übersehen ist, dass dieser in den jeweiligen Ländern sehr unterschiedlich verläuft.

Derweil hat die Berichtssaison in den USA begonnen. Das 2. Quartal hätte schwieriger kaum sein können. Im Vergleich zu zurückliegenden Rezessionen wurden die Gewinnschätzungen nach IBES noch nie so schnell zurückgenommen, wie nach Ausbruch der Corona-Krise. Für das laufende und das kommende Jahr sind dabei noch weitere Abwärtsrevisionen zu erwarten, wenn auch in vermindertem Tempo.

Vertrauen auf die Zentralbank-Puts

Sowohl von Seiten der Bewertungen als auch von Seiten der sich abzeichnenden Konjunkturerholung ist nicht zu erwarten, dass es zu einer derart schnellen, nachhaltigen Erholung kommt, wie es die Aktienkurse vorwegnehmen. Bei den Unternehmensgewinnen sollten noch zu erwartende Abwärtsrevisionen nicht außer Acht gelassen werden. Auch hier dürfte sich bemerkbar machen, dass wir uns in der schwersten Rezession seit Ende des zweiten Weltkriegs bewegen. Während die Zentralbanken üppig Liquidität bereitstellen, scheinen sie allerdings gleich einem „Put“ das Rückschlagspotenzial zu vermindern – zumindest dürften dies die Märkte evorwegnehmen. An die Bereitschaft Liquidität fließen zu lassen und die Zinsen niedrig zu halten, daran hat auch die jüngste Tagung der Europäischen Zentralbank (EZB) wieder erinnert. Solang dem aber so ist, erscheint es als rational auf risikoreichere Anlageklassen zu setzen, auch wenn in der Phase des Tanzes Fehltritte nicht auszuschließen sind, und die Zentralbank-Puts insgesamt für Verzerrungen sorgen.

Quelle: BondWorld