Bantleon: Brexit – und nun?

Mit einer Mehrheit von 52% haben sich die Briten für einen Austritt aus der EU ausgesprochen – eine schallende Ohrfeige für die EU, aber kein…

 

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Dr. Harald Preißler Kapitalmarktanalyse – CIO Bantleon Bank AG, Zug Chefvolkswirt und Leiter Anlagemanagement


Weltuntergang. Zwar ist kurzfristig mit weiterhin starker Volatilität an den Finanzmärkten zu rechnen, aber der Brexit sollte das positive Konjunkturbild der Eurozone nicht nachhaltig schädigen. Entsprechend dürften die Aktienmärkte nach dem ersten Schock nach oben drehen und im  Sommer neue zyklische Höchststände markieren. Doch schon im Herbst ist wieder mit einer konjunkturellen Abkühlung zu rechnen. Damit droht im 2. Halbjahr der nächste Schwächeanfall an den Börsen.


Also doch: Brexit. Bis gestern sah es noch nach einem knappen, aber eindeutigen Vorsprung des »Remain-Lagers« aus. Selbst die beiden landesweit durchgeführten Nachwahlbefragungen vom späten Abend sahen die Brexit-Gegner mit 51% bis 52% in Führung. Die vielzitierten Buchmacher hatten dem Verbleib Grossbritanniens in der EU sogar eine 80%ige Wahrscheinlichkeit beigemessen. Am Ende stimmten knapp 52% der Briten für den Austritt – das kann man mit Fug und Recht einen gewaltigen Schock nennen.

Die Finanzmärkte hatten sich in den vergangenen Tagen in Sicherheit gewogen und wurden nun auf dem falschen Fuss erwischt. Entsprechend heftig sind die ersten Reaktionen ausgefallen. Der Index der 100 wichtigsten in UK gelisteten Unternehmen brach um knapp 10% ein, der japanische Nikkei verlor mehr als 8%, der Hang Seng 5,5% und auch die traditionell robusteren US-Börsen handelten mit einem Abschlag von 3,5% zum gestrigen Börsenschluss. Die europäischen Festlandbörsen brachen kurz nach Eröffnung des Future-Handels um 10% ein. Das britische Pfund wertete um rund 11% von 1,49 GBP (vs. USD) auf 1,34 GBP ab. Der Euro verlor gegenüber dem USD 4,5% seines Wertes. Die Gewinner waren die sicheren Häfen. Der Goldpreis schnellte von 1.260 USD pro Feinunze auf bis zu 1.360 USD in die Höhe, das entspricht einem Plus von knapp 8%. Die Kurse 10-jähriger US-Treasuries legten mehr als 3%-Punkte zu, die Renditen brachen von 1,75% auf 1,50% ein. Ihre deutschen Pendants machten ebenfalls einen kräftigen Satz nach oben, die Bund-Rendite stürzte auf das neue Rekordtief von -0,15%. Alles in allem entsprechen die Reaktionen dem, was man in diesem Fall befürchten musste.

Die viel wichtigere Frage lautet indes: Wie könnte es weitergehen? Droht nun ein »Lehman-Momentum« wie im Herbst 2008, als nach und nach die gesamte Weltwirtschaft in den Abgrund gezogen wurde?

Um es kurz zu sagen: Nein, der Brexit mag eine gewaltige Überraschung sein, ein trauriger Tag für Europa, ein historisches Ereignis, eine schallende Ohrfeige für die EU – aber er stellt keinen Weltuntergang dar!

Nach unserer Einschätzung sind drei Zeitskalen voneinander abzugrenzen: 1. Der heutige Tag und der Anfang der nächsten Woche werden wohl benötigt, um den Schock zu verdauen. Wichtig wird sein, welche Signale von politischer Seite ausgesendet werden. Die Verantwortlichen hatten schliesslich lange Zeit, sich auf dieses Event vorzubereiten. Die Zentralbanken werden dafür sorgen, dass der Interbankenhandel reibungslos vonstattengehen kann. Darüber hinaus könnten die Währungshüter für den Fall anhaltender Turbulenzen weitere unkonventionelle Massnahmen in Aussicht stellen. Konzertierte Interventionen an den Devisenmärkten sind hier ebenso denkbar wie Zinssenkungen. Insofern sehen wir gute Chancen, dass sich die Lage bald wieder beruhigen wird. Schnäppchenjäger werden an den Aktienmärkten zugreifen und damit eine Gegenbewegung einleiten.

2. Mit Blick auf die nächsten Wochen und Monate erwarten wir unverändert keine substanziell negativen Rückwirkungen auf die wirtschaftlichen Perspektiven der Eurozone. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass es den politisch Verantwortlichen in UK gelingt, einen Absturz der britischen Wirtschaft abzuwenden – entsprechende Notfallpläne (Fiskalprogramme, QE II der BoE) sollten aber, wie oben erwähnt, bereits in der Schublade liegen.

Mut machen überdies die jüngsten positiven Konjunkturdaten der Eurozone. Neben der soliden Binnennachfrage ist dies dem kräftig anziehenden Auslandsgeschäft zu verdanken. Hier wiederum sind vor allem die USA und China zu nennen. Das Vereinigte Königreich, das unter den wichtigsten Handelspartnern der deutschen Wirtschaft auf Platz drei rangiert, dürfte zwar insbesondere bei den Investitionen einen Rückschlag erfahren. Dem ist allerdings entgegenzustellen, dass in UK abgeblasene Investitionen stattdessen nach Irland oder das EU-Festland verschoben werden dürften. Per Saldo gehen wir nicht davon aus, dass der Brexit das Konjunkturbild der Eurozone nachhaltig beschädigt. Demzufolge bleiben wir bei unserer Kapitalmarkteinschätzung, dass die Aktienmärkte nach dem ersten Schock nach oben drehen und im Laufe des Sommers neue zyklische Höchststände markieren werden.

Unsere Prognose einer ab Herbst einsetzenden konjunkturellen Abkühlung bleibt ebenfalls bestehen, hat aber keinerlei Bezug zum britischen EU-Referendum. Dabei steht vielmehr im Vordergrund, dass die Wirkung der makropolitischen Stimuli in Europa und Asien nachlässt. Damit droht im Verlauf des 2. Halbjahres der nächste Schwächeanfall an den Börsen – das Jahr 2016 bleibt daher ruhelos.

3. Die langfristigen Folgen des UK-Referendums lassen sich heute sicherlich nicht abschätzen. Etwa bei der Frage, ob die wiedererlangte Unabhängigkeit des »Vereinigten« Königreiches zugleich seine Auflösung einleitet. Nämlich dann, wenn sich Schottland oder/und Nordirland abspalten sollten – gerade weil sie Teil der EU bleiben wollen. Für die EU könnte sich der Brexit ebenso gut als Anfang vom Ende entpuppen denn als Geburtsstunde eines verbesserten, stärkeren Europas. Aber selbst im schlimmsten Fall droht in unseren Augen kein »Zerfall« Europas, sondern ein Rückbau hin zu einer Freihandelszone.

Welche Konsequenzen ergeben sich für die Ausrichtung der »Bantleon Fonds«? Wir hatten bereits im Vorfeld des Votums die Risikopositionen in unseren Fonds abgebaut. Die Aktienquoten wurden entweder deutlich verringert (Bantleon Opportunities World, Bantleon Family & Friends) oder gänzlich verkauft (Bantleon Opportunities S, L, XL). Auf der Anleihenseite haben wir die Gewichtung der sicheren Häfen nahezu auf das Maximum erhöht und damit eine Gegenposition zu den verbleibenden Risikoanlagen aufgebaut. Ohne jeden Zweifel werden die nächsten Tage volatil verlaufen, wir sehen uns allerdings in einer guten Ausgangslage, um auf Chancen und Risiken reagieren zu können.

Quelle: BondWorld.ch