Bantleon: EZB bereitet Ausstieg vor, bleibt aber vorsichtig

Das makroökonomische Umfeld der Eurozone hat sich in den vergangenen Wochen spürbar aufgehellt, wodurch der ultraexpansive Kurs der EZB unter Druck gerät. Die Währungshüter rechtfertigten ihre abwartende Haltung bis zuletzt standhaft mit der tiefen Kerninflation…..

 

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von Dr. Dr. Daniel Hartmann  Senior Analyst Economics


Die Verteidigungslinie wird indes immer brüchiger. Das Wording der Notenbanker dürfte daher in den nächsten Wochen weniger expansiv ausfallen. Mithin wird die EZB ihre Exit-Strategie präzisieren. Die Leitzinswende dürfte dennoch erst Ende 2018 erfolgen. Damit ist zugleich der Boden für einen kräftigen Renditeanstieg im kommenden Jahr bereitet.

Es lief schon schlechter in der Währungsunion. Nicht nur haben sich die bösen »Frexit«-Geister verzogen, daneben steuert auch das Wachstum im laufenden Quartal auf einen neuen zyklischen Hochpunkt zu (2,0% im Vorjahresvergleich). Parallel dazu hat die Arbeitslosenquote im März mit 9,5% ein 8-Jahres-Tief erreicht. Der Arbeitsmarkt nähert sich damit seinem Gleichgewicht an, welches die OECD z.B. bei einer Erwerbslosenquote von 9,0% sieht.

Selbst bei der Inflation gibt es »Erfolge« zu vermelden. Das Deflationsgespenst hat sich verzogen. Mehr noch, die Headline-Rate lag im April mit 1,9% ziemlich exakt auf dem Ziel der EZB. Die Kerninflation (ohne Energie- und Nahrungsmittel) hat zwar noch Nachholbedarf. Immerhin scheint sich aber auch hier der Vorjahresabstand bei 1,0% stabilisiert zu haben. Angesicht dessen fragt man sich, worauf die EZB noch wartet. Ist eine Anpassung der ultraexpansiven Geldpolitik nicht überfällig?

Die aktuelle Rechtfertigung der Notenbanker lautet wie folgt: Auch wenn sich der Aufschwung verfestigt hat, überwiegen nach wie vor die Abwärtsrisiken. Und in der Tat lauern weiterhin politische Gefahren: Etwa die Neuwahlen in Italien, die schwierigen Brexit-Verhandlungen oder die Trump‘sche Handelspolitik. Darüber hinaus sollte man nicht vergessen, dass die wirtschaftliche Krise im Nachgang des »Lehman-Schocks« in der Eurozone besonders langwierig war. Zahlreiche Euroländer (darunter Spanien) haben selbst heute noch nicht das BIP-Niveau von Anfang 2008 erreicht. Es verwundert daher nicht, dass die EZB unverändert daran zweifelt, ob die Inflation bereits in einen nachhaltigen Aufwärtstrend eingeschwenkt ist.

Diese Einwände sind fraglos gerechtfertigt. Dennoch ist die Verteidigungslinie der Notenbank brüchig geworden. Entsprechend haben die meisten Währungshüter (darunter Mario Draghi) bereits den verbalen Rückzug eingeläutet. So sieht sich die Notenbank – anders als noch 2016 – nicht mehr in unmittelbarer Alarmbereitschaft, um weitere expansive Massnahmen zu ergreifen.

Dies ist allerdings nur ein Vorgeplänkel. Sollte der positive Datenstrom in den nächsten Wochen anhalten, wovon wir ausgehen, werden weitere Anpassungen folgen. Im Rahmen der Juni-Sitzung dürfte die Notenbank endgültig eine neutrale Einschätzung des konjunkturellen Risikoumfelds vornehmen – es wäre die erste seit August 2010! Darüber hinaus wird sie aller Voraussicht nach die Neigung zu noch tieferen Leitzinsen fallen lassen. Schliesslich war bislang von einem »sehr langen« Zeitraum zwischen dem Ende von QE und der ersten Zinserhöhung die Rede. Auch dies dürfte relativiert werden.

Die verbale Abrüstung reicht vielen EZB-Beobachtern allein aber nicht mehr aus. Sie fordern ein vorzeitiges Ende der Anleihenkäufe und baldige Leitzinserhöhungen. So weit wird es aus unserer Sicht nicht kommen. Schliesslich rechnen wir ab der Jahresmitte mit einer zyklischen Abkühlung. Dies dürfte der EZB die notwendige Zeit geben, um einen langsamen Ausstieg aus der ultraexpansiven Geldpolitik vorzubereiten. Konkret rechnen wir damit, dass die EZB im September die Rückführung der Anleihenkäufe für Anfang 2018 ankündigt. Wie schnell das Tapering dann vonstattengeht, hängt vom konjunkturellen Umfeld ab. Bleibt der Rückenwind hier bestehen, dürfte das Programm spätestens im September 2018 auslaufen, womit gleichzeitig die Tür für die erste Leitzinserhöhung im 4. Quartal 2018 aufgestossen wird.

Für die Anleihenmärkte bedeutet dieses Szenario Folgendes: Der Aufwärtstrend bei den Renditen ist zunächst gut unterstützt, sollte im 2. Halbjahr allerdings nochmals einen Dämpfer erfahren. Erst 2018 ist – mit der näher rückenden Leitzinswende – endgültig der Boden für einen kräftigen Renditeanstieg gelegt. 10-jährige Bundesanleihen dürften dann über 1,0% rentiere

Quelle: BondWorld.ch