Thozet Kevin Carmignac

Carmignac – Der Konjunkturzyklus ist unausweichlich

Carmignac : Die Finanzmärkte haben fast ein Jahr lang von den Hilfsprogrammen profitiert.

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von Kevin Thozet Mitglied des Investment Committee von Carmignac


Nun müssen sie sich auf die Auswirkungen einer schrittweisen Rücknahme der Unterstützungsmaßnahmen und Konjunkturprogramme einstellen, die ursprünglich zur Bewältigung der Krise ergriffen wurden, so Kevin Thozet Mitglied des Investment Committee von Carmignac.

Seit fast einem Jahr erleben die Finanzmärkte dank der beispiellosen Massnahmen der Regierungen zur Ankurbelung der Weltwirtschaft und auch dank der Unterstützung durch die Zentralbanken einen künstlichen Aufwärtstrend. Inzwischen ist die Weltwirtschaft dank der Hilfspakete jedoch wieder auf Kurs, sodass das Thema Wachstum für die Verantwortlichen in der Politik nicht mehr im Mittelpunk steht. Vor diesem Hintergrund meldet sich der Konjunkturzyklus nun unausweichlich zurück und ersetzt die beispiellosen Massnahmen als treibende Kraft.

Dementsprechend üben sich die Zentralbanken bereits in Zurückhaltung. Für sie werden wieder vermehrt Preisstabilität und ein stabiles Finanzsystem zur Priorität, wohingegen das Wirtschaftswachstum in den Hintergrund tritt. Gleichzeitig fahren die Regierungen zahlreiche Unterstützungsmassnahmen oder Ankündigungen dieser stärker zurück, da sich das Wirtschaftswachstum immer mehr selbst trägt. Das wirft vor diesem ganz speziellen Hintergrund allerdings viele Fragen auf.

Was geschieht, wenn die Stimulierungsmassnahmen auslaufen? Wie werden die Finanzmärkte auf eine Normalisierung reagieren? Droht dann ein Absturz? Wird die Schwerkraft sie einholen oder kehren sie auf den Kurs zurück, dem sie langfristig tendenziell folgen?

Ein Kurswechsel der US-Geldpolitik?

Wie wir in den letzten Monaten immer wieder betont haben, dienen die USA während und nach der Krise erneut als Vorbild. Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) geht zwar nur von einem vorübergehenden Preisschub aus, hält es aber durchaus für möglich, dass er sich als langlebiger herausstellen könnte, als ursprünglich angenommen. Vor diesem Hintergrund hat sie ihre Rhetorik geändert. In den kommenden Monaten, vielleicht schon im Herbst, dürfte sie ihre regelmässigen Anleihekäufe zur Unterstützung der US-Wirtschaft drosseln, vorausgesetzt, dass sich die Wirtschaftszahlen weiterhin gut entwickeln.

Dieser Kurswechsel der US-Notenbank dürfte sich sehr langsam vollziehen, und die Aussicht auf eine Rückkehr der Fed zu einer konventionelleren Geldpolitik ist offensichtlich beruhigend – das zeigen die Reaktion an den Finanzmärkten und die unverändert positive Entwicklung von Risikoanlagen. Nichtsdestotrotz könnte ein Kurswechsel in mehrfacher Hinsicht zu Problemen führen.

Zum einen scheint sich die Aufmerksamkeit immer stärker auf den Arbeitsmarkt zu verschieben. Diese stärkere Orientierung an den Wirtschaftsdaten fördert tendenziell Schwankungen an den Finanzmärkten, da die Veröffentlichungen selbst volatil sind und immer wieder korrigiert und saisonal bereinigt werden. Sollte sich der Arbeitsmarkt besonders robust zeigen, besteht die Gefahr, dass sich die Fed zu Zinserhöhungen gezwungen sieht. Das Problem: Angesichts der extrem hohen Verschuldung der Weltwirtschaft kann sich das Finanzsystem einen Zinsanstieg – und den damit einhergehenden Anstieg der Kreditkosten – aktuell nicht leisten.

Verlangsamung des Wachstums in Sicht

Was wird geschehen, wenn die US-Notenbank und andere ähnlich denkende Währungshüter ihre beispiellosen Unterstützungsmassnahmen, an die sich die Finanzmärkte gewöhnt haben, reduzieren? Ein solcher Kurswechsel würde zweifellos früher oder später zu einer Verlangsamung des globalen Wirtschaftswachstums führen.

Der Konjunkturzyklus hängt auch von der Politik der Regierungen ab. Wir gehen nicht davon aus, dass sie die Hilfsmassnahmen der letzten 18 Monate bis zum Jahresende beenden werden, stellen uns aber auf eine schrittweise Reduzierung ein. In den USA wird die Biden-Administration ihre ambitionierten Ausgabenpläne höchstwahrscheinlich nach unten korrigieren müssen, da ihre Verhandlungsposition angesichts der wackligen Mehrheit der US-Demokraten schwierig ist. Entsprechend droht der fiskalische Impuls in diesem Jahr geringer auszufallen als ursprünglich erwartet, und bereits im nächstem Jahr könnten Ausgabenkürzungen die expansive Haushaltspolitik ablösen.

Das Gleiche gilt für Europa, wo mit den verschiedenen Nothilfen zahlreiche Arbeitsplätze gerettet und eine Solvenzkrise und eine Pleitewelle verhindert werden konnten. Der Wegfall dieser Hilfen könnte jedoch die Zahl der Unternehmenspleiten über kurz oder lang in die Höhe treiben. Auch hier dürfte uns die Realität des Konjunkturzyklus einholen, sodass bei der Auswahl von Unternehmensanleihen äusserste Sorgfalt geboten ist.

Eine abrupte Konjunkturwende ist allerdings nicht zu erwarten. In den kommenden Quartalen dürften die Volkswirtschaften in den USA und Europa zweistellige jährliche Wachstumsraten erzielen, befeuert durch die Belebung beim privaten Konsum, im weltweiten Handel und im Tourismussektor. Danach rechnen wir jedoch mit einer Verlangsamung. Die chinesische Wirtschaft, die sich bereits früher als andere Volkswirtschaften erholt hat, kühlt sich bereits ab. Ohne Eingriffe der Zentralregierung in Peking dürfte das Wachstum in China bis Ende des Jahres unter sein Potenzial fallen. Das hätte auch Auswirkungen auf Europa, das von der chinesischen Wirtschaft besonders abhängig ist.

Momentan scheinen die Regierungen den Kurswechsel vorsichtig einzuleiten. Prognosen zum Höhepunkt eines Konjunkturzyklus sind immer eine heikle Sache. In früheren Zyklen läutete eine Verringerung der Liquiditätsspritzen der Zentralbanken allerdings stets die Wende des Konjunkturzyklus ein. Das aktuelle Umfeld ist günstig für Aktien, deren Gewinnwachstum weniger vom Konjunkturzyklus abhängig ist. Daher ist unser Portfolio aktuell mit solchen nicht-zyklischen Titeln bestückt – sie bilden das Rückgrat unserer derzeitigen Investments.

Quelle: BondWorld