Quirighetti Fabrizio Decalia

Decalia: Plädoyer für eine Inflation 2.0

Decalia: Über Inflation lässt sich gut debattieren. Vor allem, ob es einen Methodenwechsel zur Messung der Teuerung nötig ist, damit sie die wirtschaftliche Realität besser widerspiegelt.

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Von Fabrizio Quirighetti, Chief Investment Officer, Decalia


 Schon immer war die Wirtschaft Gegenstand manch reger – und bisweilen sehr heftiger – Debatten, die den rein wirtschaftlichen Rahmen sprengten. Denn es ging nicht nur um das Befinden der Welt, sondern auch darum, wie ihre Ressourcen genutzt werden. Bei einer der berühmtesten Debatten standen sich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zwei Koryphäen gegenüber: der englische Ökonom John Maynard Keynes und sein österreichischer Kollege Friedrich August Hayek. Keynes, renommierter Verfasser des „A Treatise on Money“ (Deutsch: „Vom Gelde“), plädierte für ein aktives Eingreifen des Staates in die Wirtschaft. Hayek zählte dagegen zu den wichtigsten Denkern des Liberalismus. Ihr Wortgefecht, aus dem im Übrigen niemand siegreich hervorging, war lange Zeit für die Wirtschaft ähnlich wichtig wie der Kampf zwischen Ali und Foreman für den Boxsport oder die Matches zwischen Federer und Nadal im Tennis.

Grosser Einfluss auf die Märkte

In letzter Zeit haben diese Debatten angesichts einer Welt, deren Entschlüsselung immer schwerer wird, eine Neuauflage erfahren: Wachstumsdiktat, Schuldenlast, Währungskrieg, die Regulierung der Finanzmärkte, die Rolle der Zentralbanken – an Kontroversen mangelt es in der Tat nicht.

Aber bei einem Thema scheiden sich derzeit die Gemüter – an der Inflation und den Perspektiven, die sich daraus für die kommenden Jahren ergeben. Ihr Anstieg wird das Verhalten der Finanzmärkte in hohem Mass beeinflussen. So könnte ihre abrupte Rückkehr beispielsweise eine Straffung der seit langem expansiven Geldpolitik der Notenbanken bedeuten.

Gefährliche Krankheit

Momentan stehen sich zwei Denkrichtungen gegenüber: Die Monetaristen vertreten als Anhänger von Milton Friedman, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften des Jahres 1976, den Standpunkt, dass Inflation „immer und überall ein monetäres Phänomen“ ist. Friedman selbst hatte mit seinem Sinn für Bonmots erklärt, dass Inflation eine gefährliche und manchmal tödliche Krankheit sei. Den Monetaristen widersprechen die Neo-Keynesianer, die überzeugt sind, dass eine expansive Geldpolitik die Konjunktur in einer Rezession zwangsläufig stimulieren müsse, denn die Diskrepanz zwischen schwacher Nachfrage und potenziellem Angebot verhindere den Aufbau zusätzlicher Inflation.

Die Entscheidung zwischen diesen beiden Lagern ist umso schwieriger, als die Inflationsdaten selbst keine eindeutige Lesart erlauben. Die Verfahren und Daten zur Berechnung der Inflationsrate scheinen inzwischen überholt zu sein. Die Benchmark zur Messung der Preisentwicklung vereinfacht die Gesamtheit der Datenreihen extrem, die inzwischen schlicht zu voluminös geworden sind und sich mit den alten, seit mehreren Jahrzehnten noch vor der Globalisierung eingesetzten Tools nicht mehr verarbeiten lassen. Das heutige Datenvolumen müsste mit auf Künstlicher Intelligenz beruhenden Algorithmen analysiert werden, um aussagekräftige und präzisere Analyseergebnisse zu erhalten.

Präzise Messung überhaupt möglich?

Fest steht, dass sich die Komponenten bezüglich der Ausgaben der Haushalte in nur zwei Generationen grundlegend geändert haben. So wie sie derzeit dargestellt werden – d.h. mit zu alten Methoden – spiegeln die Inflationsdaten diese Entwicklung nur schlecht oder nur sehr ungenau wider. Wenn das Bundesamt für Statistik angibt, dass die Lebenshaltungskosten in der Schweiz im August stabil geblieben und im zurückliegenden Jahr um 0,9% gesunken sind, kann man sich mit Fug und Recht fragen, ob das auch stimmt. So kann man sich nur schwer vorstellen, dass eine derart komplexe Preisvariable präzise gemessen werden kann. Angesichts der Ära eines extremen Individualismus, die wir derzeit erleben, liegt es auf der Hand, dass die Gruppe des „Homo economicus“ immer heterogener wird, so dass die klassische Preisstatistik eine immer geringere Repräsentativität besitzt als in der Vergangenheit.

Hinzu kommt ein fundamentaler Parameter, den es in dieser Gleichung zu berücksichtigen gilt: die hedonistische Anpassung. Dabei fliesst mittels einer „neuen“ Preisstruktur auch die Qualitätsverbesserung eines Produkts in die Inflationsberechnung ein. Besonders eindrucksvoll ist dieser Effekt im Bereich Unterhaltungselektronik: Ein ultraflacher, gebogener 57-Zoll-Zentimeter-TV-Bildschirm kostet heutzutage genauso viel wie ein Farbfernseher in den 1980er Jahren. Computer sind möglicherweise etwas teurer als vor 20 oder 30 Jahren, doch ihre Leistung hat sich seither bis ins Unendliche vervielfacht. Und was sagt die Preisstatistik des Bundesamtes für Statistik dazu? Ein Fernseher, der 1990 stolze 1.000 Franken kostete, ist heute für 85 Franken zu haben. Und der Preis eines PCs ist in den letzten 25 Jahren auf ein Dreissigstel gesunken. Das ist natürlich ein reines Gedankenspiel.

Inflations-Benchmark beeinflussen unser Leben

Diese Statistiken – so verzerrt sie auch sein mögen – bilden den „Rohstoff“ und das Fundament, auf das die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger ihre Entscheidungen stützen. Qualität oder Aussagekraft der Daten sind egal, Hauptsache, man kann sich an etwas halten. Genau dies amüsierte auch den polnischen Ökonom Michal Kalecki, der sagte: „Ein Ökonom kann zwei Fehler machen: Der erste besteht darin, nicht zu rechnen, und der zweite, zu glauben, was er berechnet hat.“ Fakt ist jedoch, dass die Inflations-Benchmark unweigerlich unser tägliches Leben beeinflusst, denn sie bestimmt die Indexierung der Löhne und Gehälter, der Renten, Steuern und allerhand weiterer Geldströme.

Man muss sich letztendlich fragen, inwieweit die aktuelle Geldpolitik die Inflation, in der Form, wie sie derzeit berechnet wird, unter dem Strich beeinflusst. Fest steht, dass der aktuelle geldpolitische Kurs die Miet-, Nahrungsmittel- und Energiepreise aufgrund ihrer mehr oder weniger direkten Auswirkung auf die Hypothekenzinsen oder Wechselkurse beeinflusst.

Diese Feststellung ist ziemlich besorgniserregend. Die Zentralbanken richten ihre Geldpolitik an einer eher umstrittenen Zahl aus, über die sie letztendlich wenig Kontrolle ausüben. Es sei denn, dass sie die Diskrepanzen in der Preisentwicklung noch verschlimmern. Da die Notenbanker auf Betreiben der US Federal Reserve den Rahmen ihrer Geldpolitik momentan auf den Prüfstand stellen, wäre es vielleicht an der Zeit, einen Methodenwechsel zur Messung der Inflation zu erwägen, um die wirtschaftliche Realität von Otto Normalverbraucher besser widerzuspiegeln.

Quelle: BondWorld