„Die Fragezeichen werden größer“

Als Berufseinsteiger bekam ich damals auf meine regelmäßig geäußerte Verwunderung nach mir unerklärlichen Tagesbewegungen an den Finanzmärkten eine vergleichsweise einheitliche Antwort: „Falsche Frage“…….

Stefan Rondorf Senior Investment Strategist,  Global Economics & Strategy


Ich sollte es mir abgewöhnen, einzelne Tagesbewegungen genau erklären zu wollen. Das kann ich in der Zwischenzeit nur bekräftigen. Dennoch bleiben Tage mit Stirnrunzeln. So bleibt die Aufwertung des Euro infolge der Pressekonferenz der Europäischen Zentralbank (EZB) am vergangenen Donnerstag verwirrend, hatte doch EZB-Präsident Mario Draghi sich sichtlich bemüht, jegliche Festlegung zu vermeiden, wann die anstehende Rückführung des Anleiheankaufsprogramms verkündet werden soll. Sogar die nach derzeitigem Erkenntnisstand eher hypothetische Möglichkeit, die quantitative Lockerung nochmals auszudehnen, blieb im geldpolitischen Statement erhalten.

Nichtsdestotrotz, der Euro/US-Dollar-Wechselkurs hat seine seit Frühjahr 2015 bestehende Handelsspanne nach oben verlassen. Neben geldpolitischen Faktoren tragen weitere dazu bei:

  1. Die Konjunkturdaten aus der Eurozone treten seit einigen Monaten im globalen Vergleich besonders positiv hervor. Dies bestätigte sich in der abgelaufenen Woche: Die vorläufigen Einkaufsmanagerindizes bleiben auf hohen Niveaus, der deutsche Ifo-Index schwingt sich zu einem Allzeithoch auf und auch das französische Geschäftsklima befestigt sich.
  2. Die politischen Risiken in der Eurozone sind in der Investorenwahrnehmung gesunken, während die US-Regierung die Märkte weiter im Unklaren darüber lässt, wann was beschlussfähig sein wird.

Inzwischen haben Währungsspekulanten ihre am Jahresanfang sehr weit verbreitete Positionierung in Richtung eines stärkeren Dollars vollständig geräumt und setzen nun auf fallende Dollarnotierungen . 

Dies entfaltet seine Wirkung auf andere Anlageklassen: Der schon seit einiger Zeit schwächere US-Dollar hinterlässt seine Spuren beispielsweise auf den Rohstoffmärkten. Öl- und Goldpreise können sich zaghaft stabilisieren, die Ende 2016 eingesetzte Erholung bei Kupfer verfestigt sich. Sämtliche Vermögenswerte aus Schwellenländern, welche unter dem seit dem Jahr 2014 kräftig aufgewerteten Dollar gelitten hatten, atmen vorsichtig auf: Aktien und Anleihen aus Schwellenländern haben zuletzt erfreulich rentiert, zusätzlich gestützt durch kurzfristig besser als erwartete Konjunkturdaten aus China, welche auf viele Schwellenländer ausstrahlen.

In diesem bewegten Umfeld bleiben die kurzfristig maßgeblichen Argumentationslinien der amerikanischen Notenbank Federal Reserve weitestgehend unverändert: Man vertraut darauf, dass der unterliegende Inflationsdruck trotz zuletzt gegenläufiger Tendenz im Zeitablauf zunehmen wird und bereitet die Märkte auf die bald mit sehr vorsichtigen Schritten beginnende Rückführung der aufgeblähten Zentralbilanz vor.

Die Woche voraus

Zurück zu den Fragezeichen Diese könnten auch bei mittelfristiger Betrachtung größer werden, sei es auf Ebene der volkswirtschaftlichen Analyse oder von Marktbewegungen. Wann werden die robusten Wachstumszahlen und verbesserten Arbeitsmärkte über Löhne auf die unterliegenden Inflationsraten durchschlagen? In der Eurozone werden sowohl das – aller Voraussicht nach starke – Wachstum im zweiten Quartal (Di) als auch die erste Schätzung für die Inflationsrate im Juli (Mo) veröffentlicht. In diesem Spannungsfeld steht in den USA der Arbeitsmarktbericht  und die Lohnentwicklung (Fr) im Mittelpunkt. Die Einkaufsmanagerindizes werden einen breiten Überblick über die globale Konjunkturdynamik geben und die Frage beantworten, ob sich das unser Erachtens wahrscheinliche Szenario einer leichten Abkühlung des Wachstumstempos bestätigen wird. Der Dreiklang aus wenig Steigerungspotential bei Wachstumsdaten, leicht gedrosselter Zentralbankliquidität und gegenwärtig aus dem Blick geratenen politischen Unwägbarkeiten (Brexit, US-Schuldengrenze und -Reformvorhaben, aber auch die sinkende Zustimmung für Shinzo Abe in Japan) muss die Frage aufwerfen, ob Allzeittiefs bei Volatilitätsindizes für Aktien und Renten berechtigt sind.

Handeln

Wir bereiten uns gedanklich auf Sicht der nächsten Monate vermögensklassenübergreifend auf etwas unruhigere Märkte vor. Die Gesamtlage ist weiter sehr ordentlich, eine globale Rezession zeichnet sich bis auf Weiteres nicht am Horizont ab. Dennoch erscheint das Chance/RisikoVerhältnis kurzfristig eingetrübt. Ein Umfeld, in dem aktive Manager die sich bei Schwankungen ergebenden Gelegenheiten beim Schopfe packen können.

Quelle: BondWorld