Ewige Rettung

Auch acht Jahre nach dem grossen Subprime-Crash steht es um die Finanzwelt nicht zum Besten….


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Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen


Das scheint auch die drei Regierenden der grössten Volkswirtschaften Kontinentaleuropas zu beschäftigen, die eben eine Odyssee auf eine verschollene Mittelmeerinsel mit anschliessendem Arbeitsessen auf einem Flugzeugträger auf sich genommen haben, um wichtiges zu besprechen. Eilig kann es jedenfalls nicht sein. In Europa ist mal eben etwas Ruhe eingekehrt. Die Finanzmärkte lässt dieses Treffen genau so kalt wie der Wahlkampf in den USA. Dass Putin sich mit Erdogan aussöhnt, nehmen die Märkte mal so mit, genauso wie den unendlichen Krieg in Syrien und anderswo. Sich mit Politik zu beschäftigen, wäre aus Sicht der Märkte Zeitverschwendung. Das ist für einmal ökonomisch effizient, denn dass bei einem politischen Spitzentreffen auf hoher See gross etwas herauskommen könnte, glaubt sowieso niemand. Die ungelösten Fragen um die Flüchtlinge in Europa waren am Markt ohnehin nie gross ein Thema. Nur eine Politik interessiert, die der Zentralbanken.

Ende des Lateins

Deren Wort und Tun ist für den Markt das Credo. Seit fast einer Dekade halten die Notenbanken nun schon den Finanzmarkt bei bester Laune und sind trotz Dauereinsatz meilenweit von ihren Zielen entfernt. In den USA findet die zaudernde Zentralbankchefin monatlich neue Bedenken, um die Zinsnormalisierung aufzuschieben. Wenn Yellen spricht, hängt der Markt jeweils förmlich an ihren Lippen und denkt fieberhaft darüber nach, was die verklausulierten Statements im Klartext bedeuten. Beinahe zeitgleich überschlagen sich die Analysten jeweils schon mit teils abenteuerlichen Interpretationen über den potenziellen Marktimpact des Gehörten. Mario Draghi sorgt in Europa ebenso für Stimmung. Um jeden Preis rettet er seit fünf Jahren den Euro und sorgt dafür, dass die EuroStaaten nicht vollends im Schuldensumpf versickern. Vor allem aber stützt er mit seiner Politik die maroden Banken in Europa. In Japan kauft die Notenbank hemmungslos die Schulden der Nation auf und beschwingt so die Aktienmärkte. Und die Schweiz kann da natürlich nicht, und schon gar nicht allein, aussteigen. Dabei führen gerade die Negativzinsen hierzulande zu Verwerfungen, die nie für denkbar gehalten wurden. Sollte diese Phase noch lange andauern, werden wohl auch noch die Kleinsparer zur Kasse gebeten. Kredite zu Negativzinsen sind bekanntlich bereits Tatsache. Und dies alles wegen ein bisschen Inflation? Unter Preisniveaustabilität versteht der Normalbürger sicherlich nicht, dass seine Ersparnisse nichts mehr abwerfen. Im Grunde spüren es alle. Die Notenbanker/innen sind mit ihrem Latein am Ende. Nur die Finanzmarktakteure hören die Litanei weiter gern, denn sie macht irgendwie beschwingt.

Prinzip Hoffnung

Es wird interessant, zu sehen, wie die Märkte nach den Ferien gelaunt sind und noch interessanter, ob es nach wie vor einigermassen gelingt, Stimmungstiefs mit Liquiditätsversprechen zu mildern. Da sich seit geraumer Zeit und jüngst immer mehr Skepsis breit macht, ob die Notenbanken tatsächlich das Richtige machen, wird deren weitere Wirkungsentfaltung unter Umständen irreversibel beeinträchtigt. Das könnte im nahenden Herbst für rauen Wind an der Börse sorgen, denn die Gewinndynamik der Unternehmen ist insgesamt negativ. Die Märkte werden daher auf das Prinzip Hoffnung setzen müssen, eine Wette, die gewagt ist. Denn die Konjunktur wird die zaghaften Hoffnungen, der Märkte wie auch der Geldhüter, vielleicht doch nicht ganz erfüllen und was dann? Undenkbar heisst es dann immer, aber die Frage stellt sich, nur von Antworten ist keine Spur. Prinzip Hoffnung, das ziemlich schief gehen könnte, typisch menschliches Versagen eben. Notenbanker sind auch Menschen.


Quelle: BONDWorld.ch