Fokus: „Brexit“-Ja verlängert Unsicherheit

Eine Mehrheit von 51.9% hat für einen Austritt Grossbritanniens aus der EU gestimmt. Der Abstand zu den ..


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Raiffeisen : Economic Research Wochenausblick


Befürwortern für einen Verbleib betrug mehr als eine Million Stimmen – erstaunlich deutlich nachdem zuvor die sonst recht zuverlässigen Quoten der Buchmacher noch eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit für einen Verbleib aufwiesen. Nicht zuletzt deswegen löste das Abstimmungsergebnis an den Finanzmärkten heftige Reaktionen aus. Allen voran das britische Pfund sowie Bankaktien gerieten unter die Räder. Insgesamt lösten die Befürchtungen eines Konjunktureinbruchs in Europa und speziell in Grossbritannien einen Kursrutsch an den Aktienmärkten aus. Nach der initialen Reaktion hat sich die Lage an den Märkten im Verlauf dieser Woche aber etwas beruhigt.

01072016 d

 

Konjunkturelle Horrorszenarien sind unserer Ansicht nach derzeit auch nicht gerechtfertigt. Denn vorerst ändert sich an den Handelsbeziehungen zwischen Grossbritannien und den anderen EU-Mitgliedern nichts. Grossbritannien bleibt bis auf weiteres vollwertiges Mitglied des europäischen Binnenmarktes, mit allen Rechten und Pflichten.

Ein rasches und nachhaltiges wettmachen der Kursverluste erscheint uns jedoch auf der anderen Seite ebenfalls nicht angezeigt, da nach dem „Brexit“-Ja die Unsicherheit hoch bleibt. Dies ist Gift für die Planungssicherheit der Unternehmen. Vor allem auf der britischen Insel werden Investitionspläne damit zumindest vorübergehend vermehrt zurückgestellt. Zudem könnten steigende Erwartungen weiterer Austritte oder gar eines Zerfalls der EU den Ausblick eintrüben. Trotz des Erstarkens von Anti-EU-Parteien in zahlreichen Mitgliedsländern in den letzten Jahren und deren Abgesang auf die EU nach dem „Brexit“-Votum, strebt aktuell keine andere Regierung einen Austritt an – ungeachtet der Spannungen bei der Flüchtlingspolitik. Tendenziell positiv sind dahingehend auch

die vorgezogenen Parlamentswahlen in Spanien vom letzten Sonntag zu sehen. Die Ausgangslage für eine Regierungsbildung der zerstrittenen Parteien hat sich im Vergleich zu den Wahlen im Dezember nicht wesentlich geändert, die EUGegner haben jedoch Stimmen eingebüsst.

Ein politisches Vakuum ist unmittelbar nach dem Referendum hingegen in Grossbritannien entstanden. Premier David Cameron hat seinen Rücktritt für September angekündigt, sobald ein Nachfolger in der konservativen Partei feststeht. Bis dahin plant er kein offizielles Austrittsgesuch nach Artikel 50 der Lissabon-Verträge bei der EU zu stellen. Die EU will bis dahin ihrerseits keine informellen Verhandlungen beginnen. Der bislang favorisierte Nachfolger und Treiber der „Brexit“Kampagne Boris Johnson tritt nach heftigem Widerstand nicht zur Kandidatur an. Auch in der europafreundlichen oppositionellen Labour-Partei tobt ein erbitterter Führungsstreit. Die britische Bevölkerung ist insgesamt tief gespalten. Beim Referendum hat eine grosse Mehrheit der jungen Bevölkerung für einen Verbleib votiert. Das gleiche gilt regional für Nordirland und Schottland bzw. für London. Entsprechend gibt es in Schottland Bestrebungen, ein erneutes Referendum über eine Loslösung von Grossbritannien abzuhalten. Und Beratungen mit Brüssel über einen Verbleib in der EU haben bereits begonnen. In England gibt es ebenfalls Stimmen und eine Petition für eine erneute Abstimmung, der allerdings nach dem demokratischen Wahlentscheid wenige Chancen eingeräumt werden dürfen. Auch wenn das Referendum nicht bindend ist, und sich das Parlament grundsätzlich gegen ein Austrittsgesuch entscheiden könnte. Der Wählerauftrag für die künftige britische Regierung ist es, zügig die Verhandlungen einzuleiten. Eine schnelle Einigung erscheint dabei aufgrund der unterschiedlichen Positionen allerdings nicht sehr wahrscheinlich. Die Briten wollen möglichst viele Privilegien behalten, Brüssel will auf keinen Fall Privilegien gewähren, vor allem auch um potentielle Nachahmer abzuschrecken.

Die Ergebnisse von Verhandlungen oder ein Abbruch der Gespräche nach der von Artikel 50 eingeräumten 2-jährigen Verhandlungszeit, was die Handelsbeziehungen automatisch auf WTO-Status setzen würde, können aber gut möglich in einer erneuten Abstimmung münden – darüber ob die Briten unter diesen konkreten Bedingungen weiterhin austreten wollen. Auch vorzeitige Neuwahlen in Grossbritannien, bei denen indirekt nochmals über die Umsetzung abgestimmt wird, sind denkbar. Die endgültigen Folgen des „Brexit“-Ja bleiben damit noch längere Zeit ungewiss, und hängen zusätzlich von künftigen Reformen innerhalb der EU ab. Somit dürfte, auch wenn sich einmal der erste Rauch nach dem historischen Votum verzogen hat, Unsicherheit bleiben – was weiterhin jederzeit für erhöhte Volatilität an den Finanzmärkten sorgen kann.

Quelle: BONDWorld.ch