Fokus: Durchatmen in Grossbritannien

Rund drei Monate nach dem historischen Entscheid der Briten, aus der Europäischen Union austreten zu wollen, präsentiert sich die Konjunktur im Königreich in unerwartet robustem Zustand. Für viele Marktbeobachter überraschend verzeichneten die Indikatoren zur britischen Wirtschaft nur ein temporäres Taumeln nach dem gegen die EU ausgefallenem Plebiszit…….


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Raiffeisen : Economic Research Wochenausblick


So liegt etwa die Einkaufsmanagerumfrage (PMI) für das verarbeitende Gewerbe (September) bei starken 55.4 Punkten nachdem der Index in einer initialen Reaktion auf den Austrittsentscheid im Juli auf 48.2 Punkte, und damit deutlich unter die Expansionsschwelle, eingebrochen war. Auch der die wichtige Finanzbranche miteinschliessende Dienstleistungs-PMI hat sich nach dem Juli-Taucher in die Kontraktionszone wieder gefangen und vermag sich bislang komfortabel über der 50-PunkteMarke zu halten. Allen Unkenrufen zum Trotz scheinen die Unternehmen im Vereinigten Königreich somit mit einer gewissen Zuversicht der Zukunft entgegen zu blicken.

Trotz dieser insgesamt optimistischen Stimmung, bleiben hinsichtlich des weiteren Fortgangs der britischen Konjunktur zahlreiche Unsicherheiten bestehen. Denn auch wenn wir keinen Einbruch erwarten, dürfte der sich abzeichnende harte Brexit – das Verlieren des Zugangs zum EU-Binnenmarkt – und die damit verbundenen Unsicherheiten mit gewisser zeitlicher Verzögerung doch zur einen oder anderen Bremsspur in der britischen Wirtschaft führen, was das Pfund Sterling unter Druck belassen sollte. Je länger die Schwäche des GBP jedoch andauert, desto mehr mindert sich infolge höherer Preise für Importgüter die Kaufkraft britischer Konsumenten. Es erstaunt daher nicht, dass in Grossbritannien zuletzt auch die um Energie- und Nahrungsmittelpreise bereinigte Kerninflationsrate mit zunehmender Dynamik angestiegen ist und mittlerweile bei einer Jahresrate von 1.5% liegt. Eine abnehmende Kaufkraft aber belastet auf die Dauer das BIP, weshalb wir hinsichtlich der zukünftigen britischen Wirtschaftsleistung vorsichtig sind.

Ebenso muss der spürbare währungsbedingte Rückenwind für die britische (Export-) Industrie nicht zwangsläufig von Dauer sein. Denn gerade die Zeit vor und während der Finanzkrise vor rund zehn Jahren illustriert, dass ein schwacher Aussenwert einer Währung noch kein hinreichendes Kriterium für eine positive Industriedynamik einer Volkswirtschaft darstellt. So büsste damals das britische Pfund handelsgewichtet zwar rund 20% an Wert ein, dennoch musste die britische Industrieproduktion beinahe einen 14 Mal höheren Rückgang hinnehmen wie etwa die Schweizer Industrie, obschon der CHF im gleichen Zeitraum sogar um 8% aufwertete. Für die britische Industrie kommt erschwerend hinzu, dass sie zu einem massgeblichen Anteil durch ausländische Konzerne dominiert ist. Namentlich japanische und US-amerikanische Autobauer fertigen ihre Fahrzeuge für den europäischen Markt innerhalb des Vereinigten Königreichs. Sollten mit dem EU-Austritt Handelshürden für die Einfuhr britischer Produkte in den EU-Binnenmarkt errichtet werden, ist sogar eine Abwanderung dieser Branchen nicht auszuschliessen. Denn der wichtige kontinentaleuropäische Markt könnte auch aus dem kostengünstigen Osteuropa bedient werden.

Bis es jedoch allenfalls tatsächlich so weit kommt, profitieren die Produkte Grossbritanniens noch von einer gestiegenen Wettbewerbsfähigkeit an den Weltmärkten, was sich auch in der Performance des britischen Leitindexes widerspiegelt.

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Das dürfte international ausgerichteten britischen Unternehmen vorerst noch anhaltenden Rückenwind verschaffen. Ein massvolles Investment in ein Portfolio breit diversifizierter UK-Unternehmungen, kann daher für einen beschränkten Zeitraum durchaus interessante Opportunitäten bieten. Eine weitere mögliche Outperformance des britischen Aktienmarktes dürfte nicht zuletzt auf dem schwachen Pfund basieren, weshalb wir bei einem Engagement im Aktienmarkt empfehlen, die Währungsrisiken abzusichern

Quelle: BONDWorld.ch