„Geopolitik bestimmt den Rhythmus“

Vorbei sind die Tage, in denen es auf der weltpolitischen Bühne so gesittet zuging wie einst bei Hofe. Seit dem Brexit-Votum im letzten Jahr sind förmlich die Puppen am Tanzen…


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Von Greg Meier US Investment Strategist Vice President


Nochmals den Taktschlag erhöht hat Premierministerin Theresa May mit der überraschenden Ankündigung von Neuwahlen in Großbritannien. Das geopolitische Umfeld bestimmt mehr denn je über das Auf und Ab an den Märkten — und schafft damit zugleich Chancen für entschlossene Anleger. Kommende Woche steht einiges an. Los geht es am Sonntag mit der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen in Frankreich. Bei Redaktionsschluss waren noch rund 60 % der Wähler unentschlossen — ein Rekordwert. Zwar gibt es einigen Spielraum für Überraschungen, doch nur 4 der 11 Kandidaten verfügen über ausreichend Unterstützung und Ansehen. Nur zwei davon werden es in die letzte Runde am 7. Mai schaffen, voraussichtlich Marine Le Pen — die gegen EU, Euro und Einwanderung eingestellt ist und die Steuern senken will — und Emmanuel Macron — ein pro-europäischer Reformer, der eine Konsolidierung des Staatshaushalts anstrebt. In unserem Szenario sollte Macron am Ende gegen Le Pen gewinnen, deren Anhängerschaft zwar engagiert, aber zu klein ist. Eine entscheidende Rolle wird die Wahlbeteiligung spielen.

Auf der anderen Seite des Atlantiks bewegt die Ende April auslaufende Finanzierung der US-Staatsausgaben die politischen Gemüter. Präsident Trump muss den Kongress zu einem Beschluss bewegen, der sicherstellt, dass der Staat seine Aufgaben weiter erfüllen kann (siehe Chart der Woche). Wie die Sache ausgeht, ist ungewiss — die Wettquoten stehen 1:4, dass Washington ab dem 1. Mai das Geld ausgeht. Zwar ist eher wahrscheinlich, dass man sich einigt, doch dürfte es zuvor turbulent werden: 60 der 100 Senatoren müssen dem Beschluss zustimmen, wobei 48 Sitze auf die Demokraten bzw. Unabhängige entfallen. Die Republikaner verfügen über 52 Sitze und konnten sich bisher nicht über die Grundzüge der Ausgabenpolitik einigen.

Das war einer der Gründe, weshalb die Pläne zur Abschaffung von Obamacare gescheitert sind. Präsident Trump muss nun einen politischen Konsens zustande bringen, damit er die geplanten Steuersenkungen und Ausgabenprogramme zur Stimulierung der Konjunktur voranbringen kann. Seine ersten 100 Tage im Amt enden am 29. April.

Die Woche voraus:

Jenseits politischer Gefilde wird die kommende Woche uns einen bunten Strauß an Konjunkturdaten bescheren. In Asien wird es neue Informationen zur Entwicklung der japanischen Wirtschaft geben. Veröffentlicht werden unter anderem die Konjunkturfrühindikatoren — die zuletzt nach unten tendierten — sowie die Reallohnentwicklung, die sich bislang nicht beschleunigt hat, obwohl die Arbeitslosigkeit in der Nähe ihres 25-Jahres-Tiefs liegt. Die Kerninflation dürfte im März nahe null gelegen haben, weshalb die Bank of Japan bei ihrer nächsten Sitzung am Donnerstag die Leitzinsen wahrscheinlich unverändert lassen wird.

Die geldpolitischen Entscheider der Europäischen Zentralbank halten ebenfalls eine turnusmäßige Sitzung ab. Auch wenn die geopolitischen Nachrichten überwiegend negativ ausfallen, hat sich die wirtschaftliche Lage im Euroraum verbessert. Die kommende Woche zu veröffentlichende Arbeitslosenquote in der Eurozone dürfte in der Nähe ihres 8-Jahres-Tiefs liegen und das Wirtschaftsvertrauen sollte sich dem höchsten Stand seit 10 Jahren nähern. In Deutschland wird von Interesse sein, ob der ifo-Geschäftsklimaindex seinen im März beobachteten Anstieg fortgesetzt hat.

In den USA wird die wachsende Kluft zwischen “weichen” (umfragebasierten) und “harten“ (realwirtschaftlichen) Daten im Fokus stehen. Seit dem Wahlsieg von Donald Trump profitiert die Stimmung von optimistischen Erwartungen hinsichtlich einer umfassenden Steuerreform und Infrastrukturausgaben von 1 Billion Dollar. Das Verbrauchervertrauen (Veröffentlichung am Dienstag) ist daher so hoch wie zuletzt Anfang 2001. Doch entscheidend sind die harten Wirtschaftsdaten wie Industrieproduktion, Einzelhandelsumsätze, Neubau von Eigenheimen, Löhne und Inflation, die allesamt stagnieren. Kein Wunder dass die Federal Reserve Bank of Atlanta eine Verlangsamung des Wachstums im 1. Quartal auf 0,5 % erwartet.

Die erste Schätzung wird am Freitag bekannt gegeben, dann wissen wir mehr.

Quelle: BondWorld.ch