Shah Ashish GSAM

GSAM : Erschöpfungszustand

GSAM: Worauf sollten sich Anleger im Sommer einstellen?.

Abonnieren Sie unseren kostenloser Newsletter


Von Ashish Shah, Co-CIO of Global Fixed Income and Liquidity Solutions Goldman Sachs Asset Management


Wer ist auch urlaubsreif?

Nach einem anstrengenden zweiten Quartal, in dem die Märkte vom „Krisen-Modus“ zur „Rückkehr zur Normalität“ umschwenkten – und nun vielleicht schon wieder zurück –, erhoffen sich viele Anleger vermutlich ein ruhigeres drittes Quartal. Auch wenn wir uns vielleicht in einem Erschöpfungszustand befinden, die durch die Pandemie ausgelöste grosse Beschleunigung hat noch nicht nachgelassen. Die Märkte dürften weiterhin rasant zwischen zwei Sichtweisen wechseln, wobei neue Entwicklungen zu übermässigen Reaktionen führen könnten. Anleger sollten sich auf einen Sommer mit hoher Volatilität einstellen.

Wie kann man sich darauf vorbereiten? Wer nur reagiert, schadet sich wahrscheinlich selbst, wenn es um Portfoliorenditen geht. Wir halten es für effektiver, das aktuelle Umfeld zu analysieren und zu verstehen, die Portfoliozusammensetzung entsprechend anzupassen und sich dann an den neuen Plan zu halten.

Unsere drei Grundüberzeugungen im aktuellen Umfeld:

1. Langfristig entwickeln sich die Rentenmärkte unserer Ansicht nach in Richtung niedrigere Risikoprämien. Wir gelangen immer mehr zu der Überzeugung, dass die US-Notenbank (Fed) die Zinsen noch lange bei null halten wird, sodass Anleger gezwungen sind, höhere Risiken einzugehen, um höhere Renditen zu erzielen. Durch die Pandemie beschleunigen sich langfristige Trends wie Automatisierung, wodurch es sehr schwierig werden könnte, die Arbeitslosigkeit wieder auf das Niveau vor der Pandemie zu bringen. Solange die Arbeitslosigkeit weiter erhöht ist, wird die Fed unseres Erachtens weniger auf höhere Inflation oder erhöhte Wertpapiermärkte reagieren und sich mehr auf ihr Mandat der Vollbeschäftigung konzentrieren.

2. Die Fed verfügt über die Instrumente und den Willen, um ihre Ziele zu erreichen. Die Zentralbank hat erstaunliche Schnelligkeit und Entschlossenheit bewiesen, um potenzielle Hürden für ihre geldpolitische Reaktion zu überwinden. Beispielsweise erklärte die Fed, sie würde im Rahmen ihrer geldpolitischen Reaktion Unternehmensanleihen am Sekundärmarkt kaufen. Unternehmen mussten ihre Teilnahmeberechtigung an dem Programm jedoch selbst bescheinigen, was zum Hindernis wurde. Also änderte die Fed die Programmbedingungen und begann, Anleihen stattdessen nach einem indexierten Ansatz zu kaufen.

3. Während der grossen Beschleunigung – und potenzieller Marktreaktionen – sind die Risiken höher. Von den 10 grössten eintägigen Spread-Bewegungen bei Hochzinsanleihen der letzten 20 Jahre hat sich die Hälfte im März und April 2020 ereignet (siehe Grafik). Die Fed möchte vermeiden, dass Marktstörungen die Konjunkturerholung beeinträchtigen, aber wir rechnen dennoch damit, dass die Märkte an manchen Tagen zwischen „Normal“‑ und „Krisen“-Modus hin‑ und herschwenken.

21-07-20 GSAM

Quelle: GSAM, Barclays US High Yield Index, basierend auf den täglichen Daten vom Januar 2001 bis zum 25. Juni 2020.

Zu Beginn des Sommers besteht unser Ziel darin, Portfolios so zu strukturieren, dass sie für das oben beschriebene Umfeld gut aufgestellt sind. Wenn sich die Märkte im „normalisieren“, werden Anleger unseren Erwartungen zufolge nach Renditen suchen, was die Märkte langfristig in Richtung niedrigerer Risikoprämien treiben wird. Wir möchten sichergehen, dass wir Unternehmensanleihen und andere Rentenwerte halten, mit denen wir den Rückgang von Renditen und Risikoprämien nutzen können.

Wenn die Märkte in den Krisenmodus wechseln, beabsichtigen wir eine eher opportunistische als defensive Ausrichtung. In einem Umfeld, in dem Marktreaktionen überzogen sein können und die Fed ihre Ziele entschlossen verfolgt, kann das Handlungsfenster sehr klein sein. Das haben viele Anleger wahrscheinlich im März und April zu spüren bekommen, als der Ausverkauf so erbarmungslos war, dass es unvorsichtig gewesen wäre, mehr Risiko einzugehen, und der Markt sich danach so rasch wieder umkehrte, dass die Chance im Nu vorüber gewesen zu sein schien.

Längerfristig ist die Chance unserer Ansicht nach noch nicht vorbei. Die Fed beabsichtigt, die Risikoprämien nach unten zu drücken, um die Wirtschaft zu unterstützen, und sie verfügt über die Instrumente und die Entschlossenheit, schnell zu reagieren, falls die Marktvolatilität die Erholung gefährdet. Das heisst nicht, dass es keine Tage geben wird, an denen die Zuversicht der Anleger erschüttert wird. Wenn diese Tage kommen, sollten sich Anleger jedoch auf die langfristige Absicht der Fed konzentrieren und nicht blinzeln.

Source: BondWorld.ch