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GSAM: Wie Anleiheinvestoren von Reflation profitieren können

GSAM: Das brisanteste Thema an den Finanzmärkten ist zurzeit die Reflation beziehungsweise der sogenannte Reflationshandel.

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Von Matthew Wrzesniewsky, Fixed Income Strategist, Goldman Sachs Asset Management


Notenbanker und Regierungen haben beschlossen, die Ausgaben und die Wirtschaftsleistung nach der COVID-19-bedingten Konjunkturschrumpfung mit der Geld- und Fiskalpolitik anzukurbeln. Viele Anleger stellen sich daher auf ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum und steigende Inflation ein.

In relativ kurzer Zeit wurden Value-Sektoren wieder zum Leben erweckt, während die Rohstoffpreise sprunghaft gestiegen sind und die Anleiherenditen drastisch angezogen haben. Das US-Arbeitsministerium meldete indes, dass die Verbraucherpreise in den USA im April so stark wie seit 2008 nicht mehr gestiegen sind.

Das haben wir natürlich alles schon einmal erlebt. Reflation war auch ein Thema nach dem Sieg von Donald Trump bei den US-Präsidentschaftswahlen 2016 und mehr noch nach der globalen Finanzkrise. Was spielt sich also heute ab? Ist dies ein vorübergehendes Phänomen oder ein langfristiger Trend? Das bleibt abzuwarten, aber es ist durchaus möglich, dass die Weltwirtschaft in eine Phase höherer Inflation eintritt.

Die gute Nachricht: Chancen bestehen im Reflationshandel. Zum Beispiel hat der plötzliche Anstieg der Anleiherenditen neue Gelegenheiten in Kernanleihesektoren geschaffen. Hochwertige Kernanleihen mit mittlerer Laufzeit können dank höherer Ausgangsrenditen attraktivere Ertragsaussichten bieten (Grafik 1). Anleiheinvestoren profitieren im heutigen Marktumfeld unter Umständen auch vom Roll-Down-Effekt, einem Nebenprodukt höherer Renditen und steilerer Zinsstrukturkurven.

GRAFIK 1: AUF DIE AUSGANGSRENDITEN KOMMT ES AN: HÖHERE RENDITEN UND MEHR POTENZIAL FÜR ZUKÜNFTIGE RENDITEN

16-06-21 GSAM
16-06-21 GSAM

Quelle: Barclays Live. Stand: 30.04.2021. Nur zur Veranschaulichung.

Diese Einschätzung zieht Pro und Contra in Betracht, doch angesichts der Möglichkeit, dass die Reflation über das gesamte Jahr 2021 hinweg anhalten könnte, wird zusammengefasst, dass Anleiheinvestoren dem Drang widerstehen sollten, ihre Allokationen in Anleihen als Kernanlage aufzugeben, denn diese bieten den wichtigen Vorteil der Diversifikation von Aktienrisiken.

Zur Ergänzung einer Kernallokation sollten Anleger taktische Positionen in Marktbereichen, die am ehesten von einem reflationären Umfeld profitieren, in Erwägung ziehen:

Sorgfältig abwägen: kurze Duration. Für Anleger, die einen plötzlichen Einbruch der Anleihekurse nicht in Kauf nehmen können, ist eine Verkürzung der Duration vielleicht eher zu verkraften. Multisektor-Strategien mit kürzerer Duration bieten einen Ertragsvorteil gegenüber den sehr geringen Renditen von Ultrakurzläufern am kurzen Ende des Markts, da der US-Leitzins voraussichtlich noch bis Ende 2023 nahe null verharren wird. Darüber hinaus bieten Strategien mit kürzerer Duration nach wie vor Absicherung gegen potenzielle Aktienrisiken (in extremen Risk-off-Szenarien jedoch wahrscheinlich weniger als Strategien mit mittlerer Duration). Angesichts fiskalpolitischer Konjunkturmaßnahmen und des schnelleren Impftempos sind die Zinsstrukturkurven von Anleihen durch den plötzlichen Wiederanstieg der mittel- und langfristigen Zinssätze steiler geworden, wodurch mehr „Carry and Roll“-Potenzial als noch vor ein paar Monaten entstanden ist.

Auf der Suche nach Erträgen: Bankkredite. Bei der derzeitigen Dynamik von Angebot und Nachfrage profitieren Bankkredite unserer Ansicht nach von attraktiven Bewertungen. Dank der Zinsanpassung bei den variabel verzinslichen Bankkrediten hat der jüngste Zinsanstieg zu Zuflüssen in die Anlageklasse geführt. Verglichen mit Hochzinsanleihen warfen Bankkredite in der Vergangenheit stärkere risikobereinigte Renditen ab und sind in der Kapitalstruktur eines Unternehmens vorrangig.

Auf dem Boden der Realität mit TIPS. Da die Break-even-Inflationsrate von ihrem im März 2020 erreichten Tief sprunghaft angestiegen ist, konnten sich inflationsindexierte US-Staatsanleihen (Treasury Inflation-Protected Securities, TIPS) besser behaupten als ihre nicht inflationsgeschützten Verwandten. TIPS bieten zwar nicht dieselben Diversifikationsvorteile wie eine auf Kernanleihen ausgerichtete Multisektorstrategie, aber sie können derartige Strategien gut ergänzen und Anlegern helfen, unerwartete Zins- und Inflationsveränderungen zu nutzen. Anleger sollten sich jedoch bewusst sein, dass TIPS wahrscheinlich schlecht abschneiden, wenn die derzeitigen starken Wachstumserwartungen nachlassen sollten.

Trotz der Möglichkeit weiterhin steigender Zinsen und des aufkommenden Reflationsdrucks sollten hochwertige Anleihen mit mittlerer Laufzeit weiterhin die Grundlage für Rentenportfolios sein. Kernanleihen sorgen für Ausgewogenheit und Diversifikation in Multi-Asset-Portfolios, denn sie gleichen die Volatilität an den Aktienmärkten aus. Es spricht viel für hochwertige Anleihen, denn aufgrund der steileren Zinsstrukturkurven und höheren Renditen kann das zukünftige Renditepotenzial steigen.

Und noch ein Punkt, den es zu berücksichtigen gilt: Falls die Wirtschaft im weiteren Verlauf des Jahres unerwartet an Fahrt verliert und Risikoanlagen schwächeln, bieten Kernanleihen Anlegern zu den derzeitigen Renditen immer noch ein ausreichendes Polster. Mit anderen Worten: Jetzt mehr Erträge und später potenziell bessere Absicherung, falls der Markt in Bezug auf Wachstum und Inflation falschliegt.

Quelle: BondWorld.ch