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„Hoch, höher, Euro?“

Die Börsen sind freundlich ins neue Jahr gestartet. Vieles spricht dafür, dass sich der Aufschwung der Weltwirtschaft verlängert und die Unternehmensgewinne ordentlich sprudeln. …..

Von Ann – Katrin Petersen Vice President,  Global Economics & Strategy


In aller Munde ist gegenwärtig jedoch vielmehr die kräftige Aufwertung des Euro-Wechselkurses auf ein neues Drei-Jahres-Hoch nahe der Marke von 1,23 US-Dollar. Handelsgewichtet legte die Gemeinschaftswährung binnen Wochenfrist um über 1% zu.

Insbesondere zwei Faktoren haben den Euro jüngst beflügelt:

  1. Das von den Märkten als „falkenhaft“ interpretierte Sitzungsprotokoll der Europäischen Zentralbank (EZB) vom vergangenen Donnerstag belebte Zinserhöhungsfantasien wieder, die auch an den Staatsanleihenmärkten der Eurozone nicht spurlos vorübergingen.
  2. Der vermeintliche Durchbruch bei den Sondierungsgesprächen in Berlin verbesserte auch die Aussichten auf eine institutionelle Reform des Euroraums im Sinne des französischen Präsidenten Emmanuel Macron (Stichwort „Euroraum-Budget“, „Geld gegen Strukturreformen“). Zur Erinnerung: Bereits im vergangenen Jahr war die sinkende politischen Unsicherheit ein wesentlicher Treiber der Euro-Aufwärtsbewegung gewesen.

Eine überzogene Marktreaktion?

Fundamentale Wechselkursmodelle lassen zwar auf einen mittelfristig „fairen Wert“ des Euro von über 1,20 US-Dollar schließen. „Zu viel, zu früh!“, argumentiert jedoch so mancher Beobachter. Schließlich spricht in der kürzeren Frist der eingeschlagene Kurs der US-Notenbank Fed –schrittweise Leitzinserhöhungen und Abschmelzen der Bilanzsumme – und der damit verbundene US-Renditevorsprung am Anleihemarkt für sich genommen für einen festeren US-Dollar. Sollten die beschlossenen Steuersenkungen in einer Überhitzung der US-Wirtschaft resultieren, würde die Notwendigkeit zusätzlicher Zinsschritte sogar steigen. Gleichzeitig ist zwar eine allmähliche Anpassung der EZBKommunikation („Forward Guidance“) wahrscheinlich. Anleger sollten jedoch nicht dem Irrglauben verfallen, dass die Leitzinswende im Euroraum schon in Kürze bevorstünde. Mit anderen Worten: Der Renditehunger könnte die Anleger zurück in den Dollar treiben. Kurzfristig könnten daher die Kursrisiken für den Euro überwiegen.

Oder ist „Technik“ Trumpf?

Zwar lässt auch die optimistische Stimmung, die sich in den extrem hohen spekulativen Euro-„Long“Positionen widerspiegelt, das jüngste Kaufsignal über 1,21 US-Dollar als noch nicht nachhaltig erscheinen (siehe unsere Grafik der Woche). Allerdings hat das Wechselkurspaar im langfristigen Trendwendeprozess einen nicht zu unterschätzenden, entscheidenden Schritt hin zu einer fortgesetzten Euro-Stärke getätigt.

Die Woche voraus In der kommenden Handelswoche lässt ein gut gefüllter Datenkalender neue Impulse nicht nur für das internationale Wechselkursgefüge erwarten.

Konjunktur: Zur Wochenmitte richtet sich die Aufmerksamkeit der Investoren auf die erste Januar-Schätzung der Einkaufsmanagerindizes für die USA und den Euroraum. Eine stärker eingetrübte Stimmung würde angesichts der vorherrschenden konjunkturellen Zuversicht mit Enttäuschung aufgenommen. In welchem Ausmaß die Brexit-Unsicherheit sich in den britischen Wachstumszahlen für das vierte Quartal niedergeschlagen hat, etwa in Form einer verhalteneren Investitionstätigkeit, wird am Freitag bekannt gegeben. Die moderat positive Datenlage in den letzten Wochen spricht gegen eine negative Überraschung.

Unternehmensergebnisse: Die Berichtssaison zum vierten Quartal nimmt allmählich Fahrt auf. In den USA haben bislang über 77% der vorgelegten Unternehmensgewinne (S&P 500) positiv überrascht. Gleichzeitig sind die Erwartungen für das Jahr 2018 seit der beschlossenen Steuersenkung sprunghaft angestiegen. Für die Quartalsergebnisse und Ausblicke im Euroraum dürfte die EuroStärke – sie senkt die preisliche Wettbewerbsfähigkeit von Exporteuren – bei Analysten keine Hauptrolle spielen. Zu Recht: Die Internationalisierung der Produktionsprozesse (ausländische Vorleistungsanteile), der hohe Anteil des Intra-EWU-Handels und die robuste Entwicklung der Binnennachfrage im Euroraum schirmen von der Wechselkursentwicklung ab.

Politik: Am Samstag muss sich der US-Kongress auf einen Haushaltsentwurf für das laufende Fiskaljahr einigen, um einen Regierungsstillstand zu vermeiden. Die erwartete Einigung in letzter Minute könnte jedoch ebenso geräuschlos an den Märkten vorübergehen wie die Sitzungen von Eurogruppe (Mo) und EcoFin-Rat (Di), in deren Rahmen die Vollendung der Bankenunion und die Schaffung eines „Europäischen Währungsfonds“ vorangetrieben werden sollen. Dagegen könnte ein nicht gänzlich auszuschließender Rückschlag bei den deutschen Koalitionsverhandlungen – etwa ein „Nein“ beim SPD-Bundesparteitag (So) – dem Euro einen Rücksetzer verpassen.

Geldpolitik: Die Bank of Japan dürfte ihren Kurs unverändert lassen (Di). Trotz Konjunkturaufschwung bleibt das 2%-Inflationsziel in weiter Ferne. Das Kredit- und Geldmengenwachstum im Euroraum sowie der Survey of Professional Forecasters (Fr) dürften hingegen die Zuversicht der EZB in die Wirksamkeit ihrer Geldpolitik unterfüttern. Anleger, die bei der nächsten EZB-Ratssitzung (Do) einen deutlichen verbalen Schwenk erwarten, dürften aber enttäuscht werden. Geringfügige Änderungen bei der Forward Guidance sind denkbar – etwa der Verzicht auf den Hinweis auf eine mögliche Ausweitung von QE bei einer ungünstigen Entwicklung – werden  aber nicht für Verblüffung sorgen, dreht sich die Debatte doch vielmehr um das Enddatum der Käufe. Mit der ersten Zinserhöhung dürfte sich die EZB bis zum Jahr 2019 Zeit lassen.

Insgesamt lehren die Wechselkursausschläge, dass die geldpolitische Normalisierung an den Märkten wohl nicht ganz reibungslos und damit schwankungsreicher erfolgen wird. Ein Umfeld, in dem weiterhin das Fingerspitzengefühl aktiver Fondsmanager gefragt ist.

Source: BondWorld