„Inflationsanstieg: War’s das?“

Die Entwicklung an den Aktienmärkten steht nach wie vor im Zeichen der Erwartung, dass sich das Weltwirtschaftswachstum auf kurze Sicht beschleunigen wird…….

Von Ann-Katrin Petersen Vice President,  Global Economics & Strategy


Vor allem in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften ist die wirtschaftliche Stimmung gut – der deutsche ifoGeschäftsklimaindex kletterte im Juni sogar auf einen historischen Höchststand – aber auch in den Schwellenländern hat sich die konjunkturelle Situation merklich verbessert. Offenbar dämpft die Unsicherheit über die künftige Ausrichtung der Wirtschaftspolitik – etwa in den USA, wo die Senatsabstimmung über die Gesundheitsreform nun erst nach dem Unabhängigkeitstag am 4. Juli stattfinden dürfte – die Wirtschaftsaktivität derzeit nicht erheblich.

Sichtbar sind die konjunkturellen Auftriebskräfte auch am Arbeitsmarkt. Allerdings haben sich die sinkenden Arbeitslosenquoten noch nicht in einem spürbaren Lohnauftrieb niedergeschlagen. Der unterliegende Inflationsdruck – also über mit dem Ölpreisanstieg zusammenhängende Basiseffekte hinaus – bleibt in den großen Industrieländern verhalten. In Japan steigen die Löhne trotz eines kräftigen Stellenaufbaus nach wie vor nur langsam. In den USA lag die Veränderungsrate der Kerninflation in den Monaten März bis Juni annualisiert bei durchschnittlich 0%, nach 3% im Februar. Im Euroraum wiederum haben die Experten der Europäische Zentralbank (EZB) ihren Inflationsausblick sowohl für die Gesamt- als auch für die Kernrate nach unten angepasst. Eine Ausnahme bildet Großbritannien, wo die Brexit-bedingte Abwertung des Pfunds zu einem kräftigen (importierten) Anstieg der Verbraucherpreise geführt hat. Entsprechend „falkenhaftere“ Töne waren zuletzt aus der Bank of England zu vernehmen.

War der globale Verbraucherpreisanstieg also nur ein vorübergehendes Phänomen? Und welche Implikationen hätte dies für die Geldpolitik? Eine Frage, die nicht nur die Notenbankwelt umtreibt. Auf dem EZB-Zentralbankforum im portugiesischen Sintra machte Notenbankchef Mario Draghi am Dienstag deutlich, dass die beharrlich niedrige Inflation kein Hindernis für eine Anpassung der geldpolitischen Ausrichtung sein müsse – schon allein, um den Stimulus angesichts der Konjunkturerholung im Euroraum „weitgehend unverändert“ zu lassen. Im Klartext: Die steigende Zugkraft der Geldpolitik bereitet den Weg für eine künftige Kursanpassung. Eine Drosselung des monatlichen Wertpapierkauftempos von derzeit 60 Mrd. Euro („Tapering“) bleibt für Anfang 2018 auf der Agenda. Als Signal für eine rasche Normalisierung der

EZB-Geldpolitik sind Draghis Äußerungen jedoch nicht zu werten. Dennoch führte die Aussicht auf eine sinkende Notenbanknachfrage nach Staatspapieren am europäischen Rentenmarkt zu einem Renditesprung und katapultierten den Euro gegenüber dem Dollar auf den höchsten Stand seit zwölf Monaten.

Die Woche voraus

Der Zentralbanknachrichtenfluss – darunter die Sitzungen der australischen und schwedischen Notenbank (Di), gefolgt von den Sitzungsprotokollen der Fed (Mi) und der EZB (Do) – dürfte auch in der kommenden Handelswoche Impulse setzen. 

Darüber hinaus geben eine Reihe von Konjunkturdaten und die beginnende Gewinnberichtssaison für das zweite Quartal wichtige Hinweise auf die fundamentale Unterfütterung der Aktienmärkte. Denn in den vergangenen Monaten waren die „weichen“ Stimmungsindikatoren, wie beispielsweise die Einkaufsmanagerindizes, den „harten“ Konjunkturdaten enteilt, insbesondere in den USA.

Das Augenmerk der asiatischen Börsianer dürfte zu Wochenbeginn auf dem japanischen Tankan-Bericht zur Wirtschaftsstimmung im zweiten Quartal liegen (Mo). Dass die Regierung die für 2017 vorgesehene Mehrwertsteuererhöhung von 8 auf 10 % um wenigstens zwei Jahre verschoben und Maßnahmen angekündigt hat, um die Konjunktur anzukurbeln, dürfte sich positiv niedergeschlagen haben.

In China wiederum steht die Regierung unverändert vor der Herausforderung, dem weiteren Aufbau finanzieller Ungleichgewichte entgegenzutreten und gleichzeitig eine „harte Landung“ der Konjunktur zu vermeiden. Ein erneuter Rückgang des staatsunabhängig erhobenen CaixinEinkaufsmanagerindex für die Industrie (Mo) würde das Szenario eines nachlassenden Konjunkturtempos untermauern.

In Großbritannien sollten sowohl die Juni-Einkaufsmanagerindizes (Mo, Mi) als auch die Industrieproduktionsdaten für Mai (Fr) bestätigen, dass die Konjunktur an Schwung verloren hat. Der kräftige Inflationsanstieg übt Druck auf die real verfügbaren Einkommen aus. Nicht zuletzt hat das durch die Neuwahlen geschwächte Mandat von Premier Theresa May neue politische Unsicherheiten mit sich gebracht. 

Während in Japan und im Euroraum ein Zeitpunkt für die Abkehr von der Nullzinspolitik noch nicht in Sicht ist, befindet sich die US-Notenbank bereits auf einem Kurs der zinspolitischen Normalisierung. Sie hat im Juni das Zielband für die Fed Funds Rate bereits zum dritten Mal auf nunmehr 1 bis 1,25 % angehoben. Der Juni-Arbeitsmarktbericht (Fr) sollte übergreifend keinen Zweifel daran lassen, dass die US-Wirtschaft nahe Vollbeschäftigung operiert. Zwar dürfte es angesichts der verzögerten Umsetzung von „Trumponomics“ in absehbarer Zeit kaum zu einem „Trump-Konjunkturboom“ kommen. Die US-Regierung wird aber weiterhin bemüht sein, eine substanzielle Steuersenkung umzusetzen. Für die Fed bedeutet dies: Weitere Zinsanhebungen dürften folgen – mehr, als der Geldmarkt derzeit einpreist. 

Verstehen. Handeln.

Das Reflationierungszenario – eine fortschreitende Konjunkturerholung bei sich normalisierenden Inflationsraten – bleibt prinzipiell intakt. Zwar laufen die Basiseffekte der Ölpreise wie erwartet aus. Die sich schließenden Produktionslücken sprechen aber nach wie vor für einen sich allmählich aufbauenden binnenwirtschaftlichen Kostendruck, etwa über moderate Lohnsteigerungen. 

Die Geldpolitik läuft auseinander (Fed vs. EZB und Bank of Japan), bleibt aber insgesamt expansiv ausgerichtet. Investoren sollten sich auf eine behutsame Normalisierung der Geldpolitik einstellen. Diese ist jedoch nicht zu verwechseln mit einer Straffung. So werden in den USA die Zinsen zwar allmählich erhöht, sie bleiben aber gemessen am Preisauftrieb niedrig. Eine Stütze für die Aktienmärkte, sofern es den Notenbanken gelingt, ihre Kursanpassungen vorausschauend zu kommunizieren.

Quelle: BondWorld