„Ist die Volatilität verschwunden?“

Das „Angstbarometer“ der Wall Street verhält sich merkwürdig ruhig…..


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Von Greg Meier US Investment Strategist, Vice President


Zum Ende der Woche notierte der CBOE VIXVolatilitätsindex, der die Kosten für eine Absicherung gegen künftige Kursausschläge im S&P 500 misst, bei 9,77 – dem niedrigsten Stand seit Dezember 1993 und nur knapp über dem Allzeittiefstand von 9,31. Was könnten wesentliche Treiber dieser Entwicklung sein?

Nach wie vor scheinen wichtige Unterstützungsfaktoren für riskante Vermögenswerte intakt zu sein. Die Unternehmensgewinne steigen an, das Wachstum ist stabil bzw. beschleunigt sich, die Arbeitslosenquoten sind gesunken und die Inflationsraten sind moderat. Gleichzeitig geben die Zentralbanken in den Industrieregionen Europas und Asiens weiter Vollgas. Die meisten haben die Zinsen auf ein ultraniedriges Niveau gesenkt – einige sogar in den negativen Bereich – und die „großen Drei“, nämlich die Europäische Zentralbank, die Bank of England und die Bank of Japan, bauen ihre quantitativen Lockerungsprogramme entweder rasch aus oder fahren diese zumindest (noch) nicht zurück.

Selbst in den USA, wo die Federal Reserve ihren Leitzins langsam anhebt, ist die Geldpolitik nach wie vor außerordentlich akkommodierend. Abgesehen von der Phase direkt nach der Krise liegt die effektive Fed Funds Rate derzeit auf dem niedrigsten Stand seit 1963. Und gleichzeitig könnten bald fiskalische Impulse erfolgen, sofern Präsident Donald Trump die Republikaner im Kongress dazu bringen kann, umfangreichen Steuersenkungen und einem Infrastrukturprogramm mit einem Volumen von einer Billion Dollar zuzustimmen.

All dies könnte erklären, warum die Marktteilnehmer so hoffnungsfroh sind und warum die Volatilität – und die Absicherungskosten – praktisch „verschwunden“ sind.

Andere Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle. Dem Wall Street Journal zufolge sichern sich die Anleger zunehmend über den Rentenmarkt ab; die Zahl der Optionskontrakte, die einen Gewinn bringen, wenn die Rendite von 10-jährigen US-Staatsanleihen auf ein Niveau von 1,36% fällt, hat sich in den vergangenen Wochen versechsfacht. Ein paar Hintergrundinformationen: In der Regel sinken die Renditen von US-Staatsanleihen, wenn die Nachfrage nach sicheren Vermögenswerten steigt. Bei 1,36% lägen die Renditen auf dem niedrigsten Stand seit dem Jahr 1953. Zumindest bei den Wirtschaftsdaten steht in der kommenden Woche nicht viel an, was die Anleger aus ihrer seligen Ruhe reißen könnte.

Die Woche voraus

In Europa wird der Fokus auf dem Handelsbilanzsaldo für März, den aktualisierten Daten für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) für das erste Quartal 2017 und den ersten Zahlen zum Verbrauchervertrauen im Mai liegen. In Deutschland werden die Anleger vor allem den ZEWStimmungsindex (der im Mai auf den höchsten Stand seit sechs Jahren geklettert sein könnte) und das Ergebnis der Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen im Blick haben. In Großbritannien stehen diverse Datenveröffentlichungen an, unter anderem die Inflationsrate, die sich seit dem Brexit-Votum im vergangenen Juni deutlich beschleunigt hat, und die Arbeitslosenquote, die auf den tiefsten Stand seit 1975 gefallen sein sollte.

In Asien werden die Anleger die Einzelhandelsumsätze und die Industrieproduktion in China im April im Blick behalten. Zwar gab es zuletzt Anzeichen für eine leichte Konjunkturverlangsamung in China, aber die Industrieproduktion legte im März um 7,6% zu, d.h. so stark wie seit über zwei Jahren nicht mehr. In Japan wird sich die Aufmerksamkeit vor allem auf die Industrieproduktion im März, die Einzelhandelsumsätze und die Auftragseingänge im Maschinenbau sowie auf die Vorabschätzung für das BIP im ersten Quartal richten.

Die meisten wichtigen Wirtschaftsdaten werden in der kommenden Woche in den USA veröffentlicht. Neue Daten zum Immobilienmarkt – u.a. zum Vertrauen der Wohnungsbauunternehmen und zur Zahl der Baubeginne – dürften darauf hindeuten, dass die Lage am Immobilienmarkt trotz des Anstiegs der US-Hypothekenzinsen nach den Wahlen weiterhin gut ist. Die Industrieproduktion könnte im April im dritten Monat in Folge angestiegen sein, die Frühindikatoren sollten sich im achten Monat in Folge erhöht haben.

Am Freitag wird dann noch die Baker-Hughes-Zählung der USÖlförderanlagen veröffentlicht. Vor dem Aufschwung der Energiegewinnung aus Ölschiefer in Amerika war diese Zahl relativ irrelevant. Inzwischen jedoch hat sie an Bedeutung gewonnen, denn sie gibt Hinweise darauf, wie rasch das schwarze Gold der Erde entrissen wird. In den vergangenen elf Monaten hat sich die Zahl der Bohrplattformen mehr als verdoppelt, was bei der halbjährlichen Konferenz der OPEC-Länder in Österreich am 25. Mai Anlass zu Diskussionen geben sollte.

 

Quelle: BondWorld.ch