„Ist nach dem Spiel vor dem Spiel?“

Nach Veröffentlichung der jüngsten Umfrageergebnisse zum britischen EU-Referendum, der zufolge die Austrittsbefürworter an Zulauf gewinnen, intensivierte sich zu Wochenbeginn die Flucht der Anleger in die „sichere Häfen“ bonitätsstarker Staatsanleihen, während die Börsen weltweit ins Hintertreffen gerieten…….


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Ann-Katrin Petersen     Vice President, Global Capital Markets & Thematic Researc


Apropos Weltbörsen: Indexbetreiber MSCI entschied sich, chinesische A-Aktien bis auf Weiteres nicht in die Mannschaft des Emerging Markets Index aufzunehmen.

Eins zumindest scheint festzustehen: Das Spiel „Finanzielle Repression“ ist noch nicht abgepfiffen. 15 Monate nach Beginn der umfassenden Staatsanleihenkäufe der Europäischen Zentralbank (EZB), verbunden mit Negativzinspolitik und gestiegenen Brexit-Sorgen, sind 10-jährige Bundrenditen erstmals in ihrer Geschichte in Negativterrain gerutscht (siehe Grafik der Woche). Fundamentale Renditetreiber, wie die voraussichtlich allmählich anziehenden Inflationsraten in der zweiten Jahreshälfte und der US-Leitzinserhöhungszyklus werden an den Rentenmärkten gegenwärtig offensichtlich beiseitegeschoben. Gleichzeitig erscheint der Markt für Euro-Staatspapiere angesichts des Tauziehens verschiedener Kräfte weiterhin rückschlaggefährdet und schwankungsanfällig. Auf der anderen Atlantikseite sank die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen im Wochenverlauf unter die 1,6%-Marke und damit auf das tiefste Niveau seit November 2012.

Fast an die Seitenlinie rückte die FOMC-Sitzung, die den Markterwartungen weitestgehend entsprach. Seit den zuletzt enttäuschenden USArbeitsmarktdaten hatten Investoren eine zweite Fed-Leitzinserhöhung im Juni wieder ausgepreist. Voraussetzung für einen Zinsschritt am 26./27. Juli dürfte sein, dass sich die Mai-Zahlen als Ausrutscher nach unten entpuppen. Gleichzeitig sollte ein zukünftig bescheidenerer Stellenzuwachs außerhalb des Agrarsektors nicht überraschen. Angesichts eines langsamer wachsenden Arbeitskräftepotenzials würde selbst ein Aufbau von 80.000 bis 100.000 Stellen monatlich (statt „200.000 Plus“) für eine fortgesetzte Stabilisierung des US-Arbeitsmarkt ausreichen. Sollte sich die Diskussion über höhere Leitzinsen wieder intensivieren, könnte der Euro gegenüber dem USDollar weiter ins Abseits geraten Das wichtigste Ereignis der kommenden Handelswoche dürfte mit Abstand die britische Volksabstimmung sein (Do), deren Ergebnis am Freitagmorgen (europäischer Zeit) veröffentlicht wird, mit den Neuwahlen in Spanien (So) auf den Fersen. Trotz einer leichten Stärkung des spanischen linken Lagers könnte sich das Szenario schwieriger Koalitionsverhandlungen wie im Nachgang der Dezember-Wahl wiederholen. Im Falle Großbritanniens wird die Märkte die mit den Umfragen verbundenen Unsicherheit, auch in Bezug auf deren Repräsentativität, bis ins Referendum hinein begleiten. Ein Verbleib der Briten in der EU dürfte mit Erleichterung von den Börsen aufgenommen werden – und von der Schweizer Notenbank, deren Devisenreserven sich in der Abwehr gegen die Aufwertung der traditionellen „Fluchtwährung“ Franken inzwischen auf über 90% des Sozialproduktes belaufen.

An Rückendeckung für das Bankensystem des Euroraums in Form von weiterer Liquiditätszufuhr durch die EZB dürfte es zumindest nicht mangeln, wenn am Donnerstag die achte Zuteilung eines zielgerichteten langfristigen Refinanzierungsgeschäftes (TLTRO) ansteht und am Freitag die zweite Serie (TLTRO II) mit vierjähriger Laufzeit beginnt, deren Zins höchstens bei 0% liegen wird. Zusätzliche Liquidität im Falle eines Brexit könnte die EZB wie angekündigt in Kooperation mit der Bank of England mittels sog. Currency Swap Lines (Währungstausch) bereitstellen.

Fast eine ganze Mannschaftsstärke an Konjunkturindikatoren wie die Einkaufsmanagerindizes für die Schwergewichte USA, Deutschland und Frankreich (Do), der Chicago Fed National Activity Index (Do) und der Auftragseingang langlebiger Wirtschaftsgüter (Fr) als zusätzliche Signalgeber für die US-Konjunktur sowie der deutsche ifoGeschäftsklimaindex (Fr) liefern im Wochenverlauf weitere Impulse für die Börsen. Sie werden wohl bestätigen, dass der inzwischen 13 Quartale infolge währende Konjunkturaufschwung in der Eurozone auch in der zweiten Halbzeit des Jahres anhält. Dagegen scheint die US-Wirtschaft zwar kein Fall für die Ersatzbank zu sein – ob sich die gegenwärtige Skepsis der Märkte über deren weitere (Spiel-)Dynamik legt, erscheint jedoch fraglich.

Zur Wochenmitte dürften zudem die beiden Anhörungen der FedVorsitzenden Janet Yellen vor Senat (Mi) und Repräsentantenhaus (Do) in den Blickpunkt der Investoren rücken. Neben dem Ausstieg aus der ultra-lockeren Zinspolitik stellt zweifellos der reibungslose Exit aus der unkonventionellen Bilanzpolitik eine der größten Herausforderungen dar. So hält die Fed in ihrem sog. SOMA-Portfolio etwa 2360 Mrd. USD an Staatsanleihen bzw. einen Anteil von ca. 12 ½ % der US-Bruttostaatsverschuldung.

In weiter Ferne scheint dies für die Bank of Japan (BoJ) und die EZB. Wenngleich die japanische Konjunktur zuletzt mit Hoffnungszeichen aufwartete, behält sich die BoJ ebenso wie ihr europäisches Pendant weitere unkonventionelle Spielzüge – z.B. in Form einer Ausweitung des Anleihenkaufprogramms – in der Hinterhand. Am Dienstag und Freitag wird die BoJ Einblicke in ihren Spielplan gewähren, wenn sie die Sitzungsprotokolle vom April und Juni veröffentlicht. Die EZB wiederum befindet sich im Implementierungsmodus und dürfte über die Sommerpause die Wirkung des Maßnahmenpakets vom März abwarten. Selbst eine ablehnende Haltung des Bundesverfassungsgericht gegenüber dem OMT-Programm (Mi) bedeutete übrigens wohl nicht das Aus für das laufende QE-Programm.

Kurzum: Niedrige Zinsen werden uns noch eine ganze Weile begleiten. Während also Europas Fußballprofis in Frankreich auf Torjagd gehen, bleiben die internationalen Anleger im Niedrigzinsumfeld auf Renditejagd

Quelle: BondWorld.ch