De Berranger Olivier LFDE

LFDE : Hollywood live aus Washington

LFDE : Mit den teilweisen Lockdowns und Ausgangssperren, die in Europa zunehmend verhängt werden, wird Kino ein seltenes Vergnügen.

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Makro view der Woche

Autoren: Olivier de Berranger, CIO, LFDE ; Alexis Bienvenu, Fund Manager, LFDE


Zum Glück springen die politischen Parteien der USA in die Bresche und bieten uns beste Unterhaltung.

Sie schrieben in den letzten Wochen ein sehr abwechslungsreiches Drehbuch: jenes über das fünfte US-Hilfspaket. Seit Sommer gilt es als fast beschlossen, harrt jedoch immer noch seiner Verabschiedung. Bis zur Wahl des Weltpräsi… – Verzeihung! – US-Präsidenten bleiben jedoch nur noch wenige Tage. Die Rollen sind geschickt verteilt: Die Demokraten in ihrer Rolle als Retter wollen ein massives Hilfspaket über mehr als zwei Billionen Dollar schnüren. Die Republikaner in der Rolle der Zauderer beziehungsweise (je nach Blickwinkel) der Totengräber legen sich auf mehrere hundert Millionen weniger fest. Ein Klacks angesichts aller bisherigen Ausgaben. Aber dieser Klacks ist äusserst symbolhaft. Donald Trump in der Rolle des freien Elektrons sendet seinerseits widersprüchliche Signale, um die dramaturgische Spannung immer wieder anzufachen, wenn das Popcorn alle ist. Jeden Tag werden neue Ultimaten gestellt und verstreichen wieder. Jeden Tag wird eine kurz bevorstehende Verständigung dann doch nicht erreicht.

Aber wer hätte derzeit ein politisches Interesse an einer Einigung?

Die Demokraten möchten zwar nicht als Saboteure gelten, haben jedoch objektiv betrachtet wenig Interesse an einer Einigung, die Trump in die Karten spielen könnte. Sie haben im Gegenteil eher ein Interesse daran, glauben zu machen, dass ihre Wahl zu gigantischen Anreizen führen könnte. Die Republikaner haben ihrerseits kaum Interesse daran, eine Einigung mit den Demokraten zu erzielen, die dann betonen würden, dass sie es waren, die den Umfang des ursprünglich von den Republikanern vorgesehenen Hilfspakets erhöhten. Bei Trump weiss man nicht, welche Interessen er verfolgt, so sehr scheint er im Treibsand seiner Politik versunken zu sein. Biden verfolgt die Strategie einer Schlange: Er schlängelt sich zwischen den von seinem Widersacher gestellten Fallen hindurch, ohne sich fangen zu lassen, und wartet, dass Trump müde wird. Im Vergleich zu den dramaturgischen Interessen, die auch als politische bezeichnet werden, scheinen die wirtschaftlichen Interessen der Amerikaner weitaus weniger bedeutend zu sein.

Gute Nachrichten aus der US-Wirtschaft – trotz politischen Stillstands

Kein Wunder, dass der Markt auf der Stelle tritt. Das ist der Preis für die atemberaubenden Wendungen. Dennoch sind die Nachrichten vor allem in den USA bei weitem nicht alle negativ. So war der Auftakt zur Berichtssaison für das dritte Quartal gut. Die Mehrheit der Unternehmen lag über dem Konsens, der zudem in den vergangenen Wochen auf Jahressicht optimistischer wurde. Ebenso wurde bei den wöchentlichen Anträgen auf Arbeitslosenhilfe ein überraschender Rückgang verzeichnet. Auch die Immobilienbranche, ein starker Jobmotor, ist in guter Verfassung. Der Anstieg der Inflationserwartungen ist folgerichtig und ein Zeichen der Hoffnung auf bessere Zukunftsaussichten.

Europa erholt sich allerdings weniger schnell. Die zweite Welle der Epidemie verstellt den Ausblick, aber die Unternehmensergebnisse sind im Vergleich zu den Erwartungen insgesamt in Ordnung. Die Zentralbank fährt nach wie vor einen ultralockeren geldpolitischen Kurs, der in der kommenden Woche nochmals verstärkt werden könnte. Die Märkte bleiben daher trotz der Ungewissheit, die die zweite Welle auslösen könnte, letztlich viel ruhiger.

In wenigen Tagen wird die Serie über die amerikanische Politik das Ende einer entscheidenden Episode erleben. Bis dahin wird das berüchtigte Konjunkturpaket vielleicht verabschiedet, doch die Serie wird weiterlaufen. Vor allem sind vor der Verkündigung des Siegers noch Wendungen möglich. Überdies könnten weitere Konjunkturpakete vonnöten sein, zumal sich in den USA eine dritte Welle der Epidemie abzeichnet. Washington ähnelt trotz seiner derzeit geringen Sympathie für Kalifornien also weiterhin einem Hollywood-Drehbuch.

Quelle : BondWorld.ch