De Berranger Olivier LFDE

LFDE : Sommernachtstraum an den Märkten

La Financière De l’Echiquier.  Bisher glich der Sommer für die Anleger einem sanften Traum: Mit Ausnahme einiger schnell vergessener Handelstage legten die wichtigsten Aktienmärkte bei anhaltender Volatilität zu.

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Autoren: Olivier de Berranger, CIO, LFDE ; Alexis Bienvenu, Fund Manager, LFDE


Seit Anfang Juli ist der amerikanische S&P 500 um fast 10 % gestiegen. Der MSCI China stieg sogar noch stärker und der Euro Stoxx 50 wahrte seine Gewinne, nachdem er im Juni nach oben gestürmt war. Äusserst bemerkenswert sind beispielweise auch APPLE, dessen Kurs seit Anfang Juli um mehr als 25 % kletterte, und TESLA, das in diesem Zeitraum 70 % und seit Anfang des Jahres insgesamt 350 % hinzugewann. Wir schrieben bereits im Juli: „Elektronen schiessen in den Himmel“.

Dennoch bleibt die Lage auf wirtschaftlicher, gesundheitlicher, politischer und diplomatischer Ebene angespannt bis fürchterlich. Allerdings ein kleines bisschen weniger, als es Anfang des Sommer zu befürchten stand. Hierdurch lässt sich diese Rally teilweise erklären: An den meisten Fronten der aktuellen Krise gibt es im Vergleich zu den sehr düsteren Erwartungen leicht positive Überraschungen. So hat sich die Anzahl der in den USA gemeldeten COVID-19-Fälle im Sommer zwar stark erhöht, doch es scheint sich nun ein Rückgang abzuzeichnen. Ebenso waren die Unternehmensergebnisse für das zweite Quartal 2020 grösstenteils furchtbar, jedoch etwas weniger schlimm als befürchtet, insbesondere in den USA. Von der Fed – der die EZB auf dem Fusse folgen könnte – wird in den kommenden Wochen die Bekanntgabe eines neuen Inflationsziels erwartet. Dieser neue Zielwert würde ihr in vereinzelten Fällen eine Teuerungsrate von mehr als 2 % erlauben, ohne dass sie die geldpolitischen Bedingungen straffen müsste. Sie würde sich die Möglichkeit erhalten, die Preise von Vermögenswerten länger zu stützen. Wenngleich das fünfte US-Hilfsprogramm für die Wirtschaft noch auf sich warten lässt, hat der US-Präsident ein vorläufiges Hilfspaket für Arbeitslose, Mieter und Studenten freigegeben, das weiteren Spielraum für den Abschluss der Gespräche lässt. Denn dies scheint unumgänglich, um die USA wieder in die Spur zu bringen.

Wie jeder segensreiche Zustand ist auch diese Konstellation der Märkte anfällig – vor allem in einer Krisensituation. Mehrere Szenarien könnten ihn beenden, darunter insbesondere zwei: entweder eine neue Infektionswelle grösseren Ausmasses in Europa oder andernorts, die zu neuen Kontaktbeschränkungen führen würde, oder ein deutlicher Anstieg der Inflation und somit der Zinssätze aufgrund der geldpolitischen und fiskalischen Anreizmassnahmen. Einige Daten deuteten in den USA jüngst in diese Richtung. Da niemand mit einer Inflation rechnet, würde sie wie ein Schock wirken. Doch obschon real, erscheint dieses Risiko derzeit sehr unwahrscheinlich, da ein dramatisch hoher Anteil der Bevölkerung auf die ein oder andere Weise arbeitslos ist. Darüber hinaus könnte sich ein anderer Faktor als noch heimtückischer erweisen: Nach der ersten Runde schöner Überraschungen ist die Möglichkeit weiterer positiver Überraschungen automatisch geringer.

Solange diese Szenarien in sehr weiter Ferne bleiben, gibt es für den Markt kaum einen Anlass, vom Traum in den Albtraum zu wechseln. Zumal die Risikobereitschaft der Anleger gemäss mehreren Indikatoren moderat bleibt. Dies lässt einen erheblichen Spielraum für Kursanstiege, bevor die Risikobereitschaft das Niveau eines „irrationalen Überschwangs“ erreicht. Die gegenwärtige Hausse ist somit nicht nur ein Sommernachtstraum, sondern eine Realität, die vornehmlich durch die Zentralbanken geschaffen wurde und daher für die Dauer ihres ultralockeren Kurses bestehen bleiben dürfte. Es muss also nicht zwangsläufig ein böses Erwachen geben, denn der Traum des Marktes ist eine Wirklichkeit, die für mehr als eine Sommernacht konstruiert ist.

Source: BondWorld.ch