„Mehr Frühling als Herbst“

Der sonst als trübe geltende November macht derzeit seiner Beschreibung keine Ehre, zumindest an den Kapitalmärkten….

Ann-Katrin Petersen Vice President,  Global Economics & Strategy


So schwangen sich sowohl der US-amerikanische S&P 500 als auch der deutsche Leitindex DAX zu Wochenbeginn zu immer neuen Höhen auf. „Ein vorbeiziehendes Wetter-Wirrwarr?“, mag sich so manch‘ Anleger fragen. Doch Wirtschaftsdaten, Unternehmenszahlen und Geldpolitik unterfüttern derzeit die frühlingshafte Marktstimmung.

Während es im Herbst auf der Nordhalbkugel kalt und zugig wird, bleibt die Weltwirtschaft auf solidem Wachstumskurs mit anhaltenden Zuwächsen über Potenzial. Nachdem unser hauseigener Macro Breadth Index bis zum August eine nachlassende Dynamik bei den globalen Konjunkturdaten signalisierte, hat sich das positive Momentum im September und Oktober erneut beschleunigt (siehe auch unsere Grafik der Woche). Für sich genommen eine Stütze für die Unternehmensgewinne und damit die Aktienmärkte.

Und tatsächlich haben die Unternehmensergebnisse bei der allmählich zu Ende gehenden Berichtssaison für das dritte Quartal weitgehend überzeugt. Von den bislang veröffentlichen 430 Gewinnberichten aus dem S&P 500 übertrafen bislang 74½ % die Erwartungen der Analysten (vs. 72½ % im Vorjahresquartal). 

Gleichzeitig bewegen sich die Inflationsraten in den großen Industrienationen nur zaghaft nach oben, so dass der geldpolitische Rückenwind anhält. Auch unter dem künftigen Vorsitzenden der US-amerikanischen Notenbank Fed, Jerome Powell, der ab Februar 2018 das Zepter übernehmen wird, dürfte sich der Kurs einer behutsamen Zins- und Bilanznormalisierung nicht ändern. Die Europäische Zentralbank (EZB) wiederum wird ihr Wertpapierkaufprogramm bis mindestens September 2018 fortführen, wenngleich bei gedrosseltem Kauftempo von 30 Mrd. Euro, während die Bank of Japan unbeirrt an ihrem Lockerungskurs festhält. 

Daran dürfte, zumindest kurzfristig, auch der jüngste Anstieg der Rohölpreise – ein wesentlicher Treiber für die Verbraucherpreisentwicklung – nichts ändern. 

Die Notierungen für Brent und WTI hatten ein Zweijahreshoch erklommen, nachdem die innenpolitischen Entwicklungen im Ölförderstaat Saudi-Arabien die Erwartung einer weiteren Produktionskürzung beflügelten. Die Angebotsverknappung träfe dabei auf eine offenbar anziehende physische Nachfrage nach Öl, wie die nach unten geneigte Futures-Kurve (Backwardation) erahnen lässt.  

Die Woche voraus

Mit durch die Entwicklungen in Saudi-Arabien geschärftem Blick dürften Anleger in der kommenden Woche die Ölmarkt-Berichte von OPEC (Mo) und Internationaler Energieagentur (Di) zur Kenntnis nehmen. 

Im Großen und Ganzen werden aber wohl weder diese noch die zur Veröffentlichung anstehenden Konjunkturdaten das vorherrschende „Goldilocks“-Szenario aus robustem Wachstum bei moderaten Inflationsraten auf den Prüfstand stellen.

Die Wirtschaft des Euroraums ist im dritten Quartal um kräftige 0,6% ggü. dem Vorquartal gewachsen, wozu auf Länderebene neben der hohen Wachstumsdynamik Spaniens (+0,8%) und Frankreichs (+0,5%) der anhaltende Schwung der deutschen Konjunktur (Di) beigetragen haben dürfte. Dass sich daran perspektivisch wenig ändert, sollte der ZEW-Indikator (Di) unterstreichen.  

Dagegen würden schwache chinesischen Industrieproduktionszahlen für Oktober (Di) das Szenario eines allmählich nachlassenden Konjunkturtempos im Reich der Mitte bestätigen, nach einer überraschend stabilen Wachstumsdynamik in den ersten drei Quartalen des Jahres.  

Am Mittwoch geben die Einzelhandelsumsätze und Realeinkommen für die traditionell konsumgetriebene US-Wirtschaft erste Hinweise auf die Wachstumsperspektiven im vierten Quartal. Trotz des rund laufenden Jobmotors fällt die Lohndynamik verhalten aus. Die Steuerreform (die Wahrscheinlichkeit einer Einigung im Kongress ist zuletzt gestiegen) würde sich moderat stimulierend auf die US-Konjunktur auswirken, deren Aufschwung bereits seit überdurchschnittlich langen 100 Monaten anhält. 

Für Gesprächsstoff könnten darüber hinaus eine Reihe von Wortmeldungen etwaiger Notenbankgrößen sorgen. US-Renditen könnten ansteigen und der Dollar profitieren, sofern die Reden des im US-Offenmarktausschuss stimmberechtigen Chicago-FedPräsidenten Evans (Mi) und der ebenfalls stimmberechtigten Gouverneurin Brainard (Do) die Erwartungen weiterer, über die Dezember-Sitzung hinausgehender Zinserhöhungen schüren. In geringerem Ausmaß ist – nur drei Wochen nach der Ratssitzung – mit marktbewegenden Aussagen von EZB-Vizepräsident Constâncio (Mo) und Präsident Draghi (Fr) zu rechnen.

Vielmehr könnte am Freitag der kleine Verfallstag an der Terminbörse Eurex für sporadische Schwankungen sorgen. Nicht zuletzt sollten die weiterhin keimenden geopolitischen Unwägbarkeiten – wie die anhaltenden Spannungen zwischen Nordkorea und den USA und die wenig konstruktiven Brexit-Verhandlungen – nicht aus den Augen verloren werden. Zweifellos perlen diese gegenwärtig an der robusten Weltkonjunktur ab. 

Aber lassen sich die Frühlingsgefühle nicht noch viel unbeschwerter in einem wetterfesten Portfolio genießen?

Source: BondWorld