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Nordea: China – Warum der Wachstumsmotor schwächelt

Nordea : Die aktuelle Verlangsamung von Chinas Wirtschaftswachstum ist strukturell bedingt. Wir beleuchten die wesentlichen Gründe dafür.

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Sébastien Galy, Sr. Macro Strategist, Nordea Asset Management


Strukturelle Gründe für das nachlassende Wachstumstempo

China erfährt derzeit eine wirtschaftliche Verlangsamung als Folge seiner Entwicklung hin zu einer fortschrittlichen Wirtschaft. Weitere Gründe sind die alternde Bevölkerung, der Wettbewerb mit entwickelten Volkswirtschaften im Technologiesektor, Chinas knappe Rohstoffreserven, die Akkumulation von einfachem Infrastruktur- und Immobilienbestand sowie ein Umfeld, das nationale Wirtschaftsgrössen privilegiert.

Von der Landwirtschaft zum Dienstleistungssektor. Je stärker eine Volkswirtschaft ihren Schwerpunkt von der landwirtschaftlichen Produktion zum verarbeitenden Gewerbe und von dort in Richtung Dienstleistungssektor verlegt, desto komplexer wird die Wertschöpfungskette, also das damit verbundene physische, finanzielle und intellektuelle Kapital. Es steigt die Zahl der am Wertschöpfungsprozess beteiligten Menschen. Der Wertschöpfungsprozess wird damit immer ineffizienter, was zu einer Verlangsamung der Wirtschaft führt. Gegenwärtig folgt China einer Entwicklungskurve, die an Japan und Südkorea erinnert: Chinas Anteil am Welthandel stieg zunächst stark an, bevor die Kurve abflachte (pdf, Grafik Seite 1). Diese Entwicklung dauert schon länger an. Sie wird angetrieben durch aggressive Währungsinterventionen, die Chinas Wirtschaft lange Zeit überhitzt haben.

Chinas Bevölkerung altert. Der Hauptgrund ist die frühere Ein-Kind-Politik (pdf, Grafik Seite 2). Der Alterungsprozess wird zudem erheblich verschärft durch die Abwanderung der Landbevölkerung in die städtischen Zentren. Traditionell lebt ein Grossteil der Chinesen in Grossfamilien oder Clans. Diese Strukturen stehen jedoch unter Druck, da viele Familien in die Städte abwandern, wo jedoch die Kosten für die Erziehung und Betreuung eines Kindes viel höher sind. Das zweite grosse Problem ist, dass Immobilien so unerschwinglich geworden sind, dass sie die Haushaltsgründung und die Erfüllung des Kinderwunsches verzögern. Tatsächlich sparen viele Chinesen über einen langen Zeitraum, um sich eine Wohnung kaufen zu können, so dass nur noch wenig finanzielle Mittel für die Familiengründung zur Verfügung stehen. Zusätzlich zu diesen Belastungen kann eine schlechte Luftqualität zu Krankheiten und Atembeschwerden beitragen. Bei einem wirtschaftlichen Abschwung können sich ältere oder kranke Arbeitnehmer zudem ihrer Einkommen weniger sicher sein. Weitere Gründe offenbart ein Blick in andere Länder mit niedrigen Geburtenraten wie Japan, Finnland und Deutschland. In diesen Ländern sind geringe Geburtenraten die Folge einer persönlichen Entscheidung (Deutschland), des mangelnden Zugangs zu erschwinglicher Kinderbetreuung (Deutschland) oder des Versäumnisses der Gesellschaft, sich schnell genug an die Elternschaft anzupassen, indem sie es einfacher macht, Arbeit und Familie zu vereinen (Japan). Einige dieser Faktoren mögen in China eine Rolle spielen, allerdings scheinen sie eine untergeordnete Rolle zu spielen.

Hürden für den technologischen Fortschritt. Ein wesentliches Problem für China auf dem Weg entlang der Wertschöpfungskette nach oben ist, dass mehr Kapital benötigt wird, damit die gleichen technologischen Fortschritte erzielt werden wie in den hochentwickelten Volkswirtschaften. Dies sowohl im Hinblick auf die Mitarbeiter als auch finanziell. Darüber hinaus gibt es nur sehr wenige Personen vom Format eines Jack Ma, dem Gründer und langjährigen Chef der Alibaba Group. Das heisst: Es gibt nur selten solche in hohem Masse unternehmerisch denkende Menschen, die in der Lage sind, Durchbrüche zu erzielen. Die Zahl der chinesischen Patentanmeldungen ist beeindruckend, aber welcher Teil davon ist inkrementell, welcher strukturell? Ein Beleg dafür ist die Tatsache, dass Skunk Works (offizielles Pseudonym für die Abteilung Advanced Development Programs des US-Rüstungs- und Technologiekonzerns Lockheed Martin) amerikanisch und nicht chinesisch ist. China hat das Wissen aufgebaut, war aber nicht in der Lage, in gleichem Masse in Führung zu gehen wie in vergangenen Jahrzehnten. Auf dem Weg in ein neues Jahrzehnt bringt Chinas Regierungssystem einer „geführten Gesellschaft“ sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich. Starke staatliche Kontrolle kann den Fortschritt wesentlich behindern, kann neuen Technologien aber auch den Weg ebnen, insbesondere dann, wenn diese Technologien von geförderten nationalen Marktführern kommen. Und schliesslich liegt ein Vorteil des späten Einstiegs in den technologischen Wettlauf darin, dass technologische Entwicklungsstufen übersprungen werden können.

Fehlende Rohstoffe. Ein entscheidendes Thema für Chinas Wachstumsmanagement ist der Mangel an wichtigen Rohstoffen wie beispielsweise Öl (wobei China immerhin seltene Erden vorweisen kann). Steuereinnahmen aus diesem Bereich und eine rohstoffverarbeitende Industrie helfen einer Volkswirtschaft,  zu wachsen, Abschwünge zu bewältigen und in die Zukunft zu investieren. Diese Industriezweige bieten ein Mass an wirtschaftlicher Sicherheit, an dem es in China heute mangelt, und sie ermöglichen den Zugang zu Einnahmequellen, die besonders in den frühen Entwicklungsphasen von Bedeutung sind, wenn das Inlandkapital nicht ausreichend in die Wirtschaft fliesst.

Infrastrukturausbau. Während Chinas A-Städte weiter wuchsen, wandte sich das Land schliesslich auch dem Ausbau von B- und C-Städten zu und entwickelte dort die Infrastruktur weiter (pdf, Grafik Seite 3). Dabei schoss China stellenweise über das Ziel hinaus. Hier liessen sich zunächst schnelle Verbesserungen umsetzen, allerdings wird der Weg nun schwieriger. China hat beschlossen, seine Ressourcen künftig in den wirtschaftlich weniger entwickelten Westen zu investieren, was wahrscheinlich mit geringeren Erträgen einhergehen wird.

Liquiditätsengpässe. China begünstigt nationale Marktführer und Branchen durch gelenkte Massnahmen. Dies führt zwangsläufig zu einer Fehlallokation von Kapital und zu überschüssigen Kapazitäten, die dann wiederum die Möglichkeiten von Banken beeinträchtigen, weitere Kredite zu vergeben. Davon sind häufig insbesondere kleinere regionale Banken betroffen.

Quelle: BondWorld.ch