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ODDO BHF AM : Der neuen EZB-Strategie

ODDO BHF AM: „Das neue 2-Prozent-Ziel wurde in den Medien vielfach als Signal für eine freigebigere Geldpolitik interpretiert. Das geht aus unserer Sicht zu weit…

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Von Prof. Dr. Jan Viebig, Chief Investment Officer von ODDO BHF


Zum einen, weil die wenigen Zehntel im Ziel keinen wesentlichen Unterschied in der Geldpolitik ausmachen. Nimmt man beispielsweise die bekannte Taylor-Regel, so macht eine Verschiebung des Ziels um 0,2 Prozentpunkte gerade ein Zehntel Unterschied im Taylor-gerechten Notenbankzins aus. Geldpolitische Handlungsanweisungen lassen sich daraus nicht ableiten.

Zum anderen: Mit der (geplanten) Einbeziehung der Kosten selbstgenutzten Wohnraums dürfte sich die tatsächliche Inflationsrate tendenziell nach oben verschieben. Legt man die von Eurostat ermittelten nationalen Daten zugrunde, liegt der Anstieg seit 2014 kontinuierlich und teils deutlich über der Inflationsrate im Euroraum. Verschiedene Schätzungen geben den Effekt der Einbeziehung der Kosten für selbstgenutzten Wohnraum in den HVPI mit plus 2 bis 3 Zehnteln an. Insofern kann man der EZB hier nicht vorwerfen, sich Spielräume für eine expansivere Politik geschaffen zu haben.

Allerdings ist zu erkennen, dass die EZB einen eleganten Übergang aus dem Krisenmodus hin zu einer neuen Normalität der Geldpolitik sucht. Insbesondere die Anleihekäufe im Rahmen des Pandemie-Notfallprogramms (PEPP) sind als Kriseninstrument geplant und können eigentlich nicht ohne triftigen Grund verlängert werden. Bleibt die Corona-Situation dank des Impffortschritts unter Kontrolle und setzt sich die konjunkturelle Erholung dynamisch fort, wird eine Fortsetzung bzw. Aufstockung des PEPP über den avisierten Zeitrahmen hinaus (derzeit bis Ende März 2022) zunehmend schwieriger begründbar, gerade auch wenn die Fed – wie vielfach vermutet – im Herbst die Reduzierung ihrer Anleihekäufe einleiten sollte. Bundesbank-Präsident Weidmann beispielsweise drängt verstärkt darauf, die PEPP-Käufe auslaufen zu lassen.

Andererseits will die EZB die günstigen Finanzierungsbedingungen aufrechterhalten und den Kapitalmarkt nicht mit einem abrupten Ende der Käufe konfrontieren. Christine Lagarde hat vor einigen Tagen angekündigt, man wolle bei der Verpflichtung auf das Inflationsziel „Ausdauer“ („persistence“) demonstrieren. In einem Interview mit Bloomberg TV erklärte sie, dass die bevorstehende Sitzung des EZB-Rates am 22. Juli wichtig sei und dass sich die modifizierte Strategie in der „Forward Guidance“, den Aussagen der Notenbank zu ihrer künftigen Politik, niederschlagen werde. Einige Beobachter denken in die Richtung, dass die EZB ein moderates Überschiessen der Preisentwicklung anstreben könnte. Wir können uns vorstellen, dass die EZB Hinweise auf die anstehende Entscheidung über die Verlängerung bzw. Erhöhung des Ankaufrahmens des PEPP-Programms geben wird; möglicherweise gibt es sogar Pläne, eine modifizierte Version des PEPP als dauerhafte, flexible Fazilität zu installieren.“

Quelle: BondWorld.ch