„Sentiment“

Das Sentiment an den Aktienmärkten scheint „im Zweifel nach oben“ zu signalisieren….

Hans-Jörg Naumer Global Head of Global Capital Markets & Thematic Research


Zumindest zeigen sie sich von dem immer noch auf hohem Niveau verharrenden Indikator (wirtschafts)politischer Unsicherheit („Economic Policy Uncertainty Indicator“) weitestgehend unbeeindruckt. 

Selbst der Abbruch der Sondierungsgespräche in Deutschland und die damit ungewisse Regierungsbildung beeindruckten wenig. Die Politik spielt derzeit an den Märkten offensichtlich eine geringere Rolle, da gute Konjunkturdaten und ein solides Wachstum der Unternehmensgewinne positive Impulse liefern.  

Denn von politischen Unsicherheiten unbeeindruckt zeigen sich nicht nur die Kapitalmärkte, sondern auch die Konjunktur, welche der wesentliche Faktor neben der expansiven Geldpolitik der Notenbanken für diese Ruhe sein dürfte. 

Für die weltgrößte Ökonomie, die USA, legte der Index der Frühindikatoren im Oktober überraschend kräftig zu, und der nationale Aktivitätsindikator der Federal Reserve Bank of Chicago hat im Oktober einen kräftigen und unerwarteten Sprung nach oben gemacht, und auch der Verkauf von Bestandsimmobilien hat in den USA im Oktober zulegen können. 

Der Preisentwicklung sollte mit Blick auf die EZB stärkere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Die deutschen Produzentenpreise sind im Oktober um 0,3% gestiegen – die Jahresrate verlangsamte sich von 3,1% auf 2,7%, lässt aber erwarten, dass dies nicht ohne Auswirkungen auf die Verbraucherpreise bleiben wird. Vor allem die Verteuerung bei der Energie aber auch bei den Vorleistungsgütern trug dazu bei. Der Argumentationsspielraum für die Europäische Zentralbank und ihre unverändert expansive Politik wird damit immer geringer – sofern überhaupt noch vorhanden.

Die Woche voraus

Die kommende Woche dürfte geprägt werden von den Konjunkturdaten und hier vor allem von den Sentimentindikatoren. Eine ganze Fülle davon ergießt sich über die europäischen Märkte, den US-amerikanischen und auch den chinesischen Markt (siehe Kalender). Dazwischen stehen aber auch harte Daten an. Die Einzelhandelsumsätze aus Deutschland z.B. (Montag), die harmonisierten EU-Verbraucherpreise (Mittwoch) oder auch die japanische Industrieproduktion (Donnerstag). Dazwischen Daten zum Bruttoinlandsprodukt des 3. Quartals in den USA (wobei es sich um die weniger relevante 2. Schätzung handelt) und der Eurozone, sowie die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe in den USA. 

Auch die Fed-Watcher dürften nicht zu kurz kommen. Am Mittwoch heißt es wieder Beige-Book-Exegese. Nicht unwichtig, preist der USGeldmarkt doch immer noch eine hinter den „Dots“ des geldpolitischen Ausschusses FOMC bleibende Zinstreppe für das kommende Jahr ein.  

Von der politischen Seite muss sich in Deutschland zeigen, ob die ersten zarten Ansätze zu  Koalitionsverhandlungen zwischen der CDU und der SPD weiter voran kommen. Die noch kurz vor Ende der „Jamaika“-Sondierungen erhobenen Umfragen zeigen (siehe „Grafik der Woche“), dass es bei den Wählern zu keinen großen Stimmungsumschwüngen gekommen ist. Das ließe auch von einem Urnengang, der zwischen Februar und April zu erwarten wäre, kaum Verschiebungen in Richtung klarerer Mehrheiten erwarten. Im Gegenteil. Wer die Logik von Wahlkämpfen kennt, merkt, dass die Parteien nicht gerade an Kampagnenfähigkeit gewonnen haben. Es könnte zu Abstrafungen und mehr Proteststimmen kommen. Warum also den gerade erst gewählten Bundestag auflösen? Signale in Richtung Koalitionsgespräche dürften den Markt eher stützen, und dies insgesamt für die Eurozone.

Verstehen. Handeln.

Dabei scheint das Sentiment für risikoreichere Assetklassen durchaus noch gut zu sein. Der US-amerikanische Markt befindet sich geradezu in der Tiefenentspannung, betrachtet man den VIX in Relation zum Kurs-Gewinn-Verhältnis; d.h.: Die Bewertungen sind mehr als sportlich, die Volatilität fast schon historisch niedrig, was sicher Risiken eines Umschwungs birgt, allerdings liegen die Relative-Stärke-Indikatoren für die großen Aktienmärkte im neutralen Bereich. Das lässt nicht erwarten, dass sich ein Verkaufsdruck aufbaut.

 

Source: BondWorld