„Stößt die Konjunkturpolitik an ihre Grenzen?“

Zu Wochenbeginn hallte das G20-Gipfeltreffen im ostchinesischen Hangzhou nach, welches ganz im Zeichen einer Belebung der Weltkonjunktur stand…..


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Ann-Katrin Petersen Vice President, Global Capital Markets & Thematic Research 


Zögerliche Erholungsphasen im Nachgang von Finanzkrisen sind eher die Regel als die Ausnahme. Gleichwohl fällt das Expansionstempo der Weltwirtschaft vor dem Hintergrund der enormen geldpolitischen Stimuli – zuletzt durch die Europäische Zentralbank (EZB), Bank of Japan und Bank of England – überraschend kraftlos aus.

Im Euroraum scheinen die umfangreichen EZB-Maßnahmen bislang nur in begrenztem Maße Konjunktur und Verbraucherpreisauftrieb anzukurbeln (siehe auch: QE Monitor). So hielt Präsident Mario Draghi auf der EZBRatssitzung am Donnerstag verbal die Tür weit offen für eine zeitliche Verlängerung der quantitativen Lockerung über März 2017 hinaus. Dass sich die Konjunktur im Euroraum erfreulicherweise bislang recht unbeeindruckt von dem sich anbahnenden EU-Austritt Großbritanniens gezeigt hat, gibt der EZB weitere Bedenkzeit.

Stößt die Konjunkturpolitik an ihre Grenzen? Angesichts der vergleichsweise flauen Weltkonjunktur – bei sich gleichzeitig erschöpfenden Handlungsspielräumen der großen Notenbanken – werden im Kreis der G20 inzwischen die Rufe nach fiskalpolitischen Impulsen und wachstumsfördernden Strukturreformen lauter. Insbesondere letztere wären zu begrüßen, denn die enttäuschende Dynamik in den Industrieländern scheint weniger Ausdruck einer anhaltenden Konjunkturschwäche als Ergebnis nachlassender Wachstumskräfte zu sein.    

Nicht zuletzt bleibt neben der geld- auch die finanzpolitische Handlungsfähigkeit in den Industrie- und Schwellenländern angesichts hoher bzw. steigender Staatsschuldenquoten mit einem Fragezeichen versehen. Die Finanzpolitik bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen historisch niedrigen Refinanzierungskosten auf der einen Seite – etwa 35% des Staatsanleiheuniversums der Industrieländer sind gegenwärtig mit einer negativen Umlaufrendite behaftet– und den Altlasten der Finanzkrise sowie sich abzeichnenden demografischen Lasten für die Staatshaushalte auf der anderen Seite.

Auch eine Normalisierung der Geldpolitik – die größeren Spielraum für künftige Krisen eröffnete – lässt länger auf sich warten. Zur Erinnerung: Seit den 1950er Jahren hatte die US-Notenbank Fed im Falle von Wirtschaftsabschwüngen die Zinsen um durchschnittlich über 620 Basispunkte gesenkt (siehe Grafik der Woche). Derzeit ist dagegen ein zweiter Zinsschritt auf ein Zielband von lediglich 50-75 Basispunkten auf der nächsten Sitzung des US-Offenmarktausschusses am 20./21. September angesichts des enttäuschenden ISM-Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungssektor, der auf den niedrigsten Stand seit Februar 2010 fiel, und den zuletzt schwächeren Arbeitsmarktdaten weniger wahrscheinlich geworden. „Ad acta“ gelegt ist eine Straffung der USGeldpolitik bis Jahresende jedoch nicht. Denn unseres Erachtens reicht ein Beschäftigungsaufbau außerhalb des Agrarsektors von etwa 75.000100.000 Stellen monatlich aus (August: +151.000), um den USArbeitsmarkt stabil zu halten – gegeben die verhaltene demografische Entwicklung und Arbeitsmarktpartizipation.

Das Risiko, dass die Märkte die Wahrscheinlichkeit einer USLeitzinserhöhung noch in diesem Jahr als zu gering einschätzen, und damit das Rückschlagpotenzial am kurzen Ende der USStaatsanleihenkurve, bleibt daher zumindest gegeben. Der erste volle Zinsschritt von 25 Basispunkten wird gegenwärtig erst im April 2017 eingepreist. Auf der anderen Seite hat die Fed mit ihrer abwartenden Haltung ein aufs andere Mal bewiesen, dass sie verglichen mit ihren historischen Reaktionsmustern (Taylor Rule) „hinter der Kurve“ zurückbleibt. Gemessen an langjährigen Durchschnitten bleibt das Zinsniveau also extrem niedrig – und dürfte sich die Suche der Anleger nach einem auskömmlichen Kapitaleinkommen fortsetzen.

Welche Themen könnten sichdarüber hinaus in der kommenden Woche als Markttreiber entpuppen?

Zu Wochenbeginn richtet sich das Augenmerk der Investoren auf die Ölmarkt-Monatsberichte der OPEC (Mo) und Internationalen Energieagentur (Di). Kurzfristig wird der Rohölpreis von Gerüchten um mögliche Produktionsabsprachen ölfördernder Staaten beeinflusst, die sich jedoch als schwierig erweisen. Eine weitere Rolle spielen Lagerbestände und die Anzahl der US-Bohrlöcher für Schiefergas. Unseres Erachtens wird der Ölpreis seine Gleichgewichtssuche auf niedrigem Niveau fortsetzen. Dies stützt weiterhin die Konjunktur nettoölimportierender Regionen wie China und den Euroraum.

Eine Fülle von Indikatoren für die US-Konjunktur, darunter die Einzelhandelsumsätze, Industrieproduktion, Kapazitätsauslastung und Stimmungsbarometer wie der Philadelphia-Fed Index (Do) könnten im Wechsel Zinserhöhungsphantasien erneut entfachen oder ins Gegenteil verkehren.

Die Bank of England wiederum wird auf ihrer Sitzung (Do) voraussichtlich die Füße still halten, nachdem sie Anfang August ein umfassendes Maßnahmenbündel vorgelegt hatte, um die negativen Auswirkungen der Brexit-Entscheidung auf die britische Wirtschaft abzufedern. Von Interesse dürfte vielmehr die Veröffentlichung der britischen Verbraucherpreise (Di) und Arbeitsmarktdaten (Mi) für August sein.

Das Brexit- Votum war gewiss ein Weckruf für die europäische Politk. Am Freitag werden die EU-Staats- und Regierungschefs ohne britische Beteiligung zu einem informellen Gipfeltreffen zusammenkommen, um darüber zu beraten, wie weitere Reformen und die Entwicklung der EU mit nur 27 Mitgliedstaaten vorangebracht werden können. Erkennbare Reformfreude wäre gewiss eines der positivsten Signale für die Märkte.

Quelle: BondWorld.ch