Trügerische Erholung am Aktienmarkt

Europas Bankensektor weiter unter Druck….


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Raiffeisen : Economic Research Wochenausblick


Eine Reihe von Faktoren hat diese Woche die Stimmung an den Finanzmärkten aufgehellt und die meisten Aktienindizes steigen lassen. Darunter fällt insbesondere das überraschend robuste US-Stellenwachstum im Juni. Positiv wirkte sich aber auch die anhaltende Erwartung zusätzlicher Notenbankmassnahmen durch die EZB und die BoJ aus, sowie Ministerpräsident Abes Ankündigung neuer fiskalischer Konjunkturhilfen für die japanische Wirtschaft. Zudem hat der Brexit diese Woche nicht mehr für grosse Nervosität gesorgt. Das überraschend schnelle Ende des Machtkampfs um den freigewordenen Premierministerposten hat die Stimmung verbessert. Statt wie angekündigt erst im Oktober ist David Cameron bereits diese Woche zurückgetreten. Der Rückzug der letzten Gegenkandidatin hat den Weg für Theresa May frei gemacht, die ab sofort als neue Parteivorsitzende und Premierministerin amtiert. Das britische Pfund hat sich währenddessen nach dem freien Fall stabilisiert. Die Bank of England wiederum hat die Leitzinsen an ihrer Juli-Sitzung noch nicht gesenkt, dafür aber zusätzliche Lockerungsmassnahmen für die nächste Lagebeurteilung im August in Aussicht gestellt.

Die jüngste Aufwärtsbewegung an den Aktienmärkten ist unserer Ansicht nach aber trügerisch. Mit der Erholung bei den volatilen Arbeitsmarktzahlen erscheinen die bisherigen Wachstumssorgen um die US-Wirtschaft zwar als übertrieben. Die Konjunkturentwicklung bleibt jedoch weiterhin wenig berauschend, da sich nur der Privatkonsum in robuster Verfassung zeigt, während andere Bereiche der Wirtschaft wie die Industrie und die Exporte weiterhin schwächeln. Entsprechend sind die Gewinne der Unternehmen nach wie vor rückläufig, was wiederum deren Investitionsneigung bremst. Bei der gerade angelaufenen Berichtsaison für Q2 dürften sich die Unternehmensgewinne zum fünften Mal in Folge gegenüber Vorjahr verringern. Trotzdem steigen die US-Aktienkurse weiter an, zuletzt sogar auf neue Allzeithochs, was darauf hindeutet, dass die Bewertungen nicht günstig sind.

Zudem dürfte neben der Reife des US-Konjunkturzyklus auch das Thema Brexit die Märkte noch länger beschäftigen und wieder für Unsicherheiten sorgen. Nach dem Machtwechsel in Grossbritannien gibt es noch keine Klarheit über den weiteren Fahrplan zum Austritt aus der EU. Vor allem aber ist es noch zu früh, um Entwarnung für die britische und die europäische Konjunktur zu geben. Das britische Konsumentenvertrauen zum Beispiel hat sich nach dem Brexit merklich eingetrübt. Deutliche Spuren zeigen sich auch bei den Immobilienanlagen (siehe Fokus). Erste Hinweise wie sich die Stimmung der Konsumenten und Unternehmen nach dem Referendum auf dem europäischen Festland präsentiert, folgen nächste Woche mit den PMIs und dem französischen Geschäftsklimaindex. Der negative Effekt dürfte wohl geringer ausfallen als in Grossbritannien selbst. Nichtsdestotrotz rückt nach dem Brexit-Ja und den damit verbundenen Turbulenzen vermehrt auch die Währungsunion in den Fokus der Märkte. Grund dafür sind die zunehmenden Befürchtungen vor einer Krise im europäischen und insbesondere dem italienischen Bankensektor. Die europäischen Bankaktien haben sich seit dem Brexit-Ja deutlich schlechter entwickelt als der Gesamtmarkt und notieren rund 30% unter dem Stand von vor der Abstimmung. Die Aussicht auf eine abermalige Lockerung der Geldpolitik und damit noch tiefere Zinserträge belastet den Bankensektor. In Italien kommt die hohe Anzahl notleidender Kredite hinzu, die fast 20% des gesamten Kreditbestands ausmachen. Von der EZB werden nächste Woche an der Ratssitzung aber noch keine neuen Massnahmen erwartet. Sie dürfte jedoch auf die gestiegenen Abwärtsrisiken für die Konjunktur und den Bankensektor hinweisen sowie allenfalls eine weitere Lockerungsrunde für den weiteren Jahresverlauf in Aussicht stellen. Der Marktfokus richtet sich nun auch auf die Europäische Bankenaufsichtsbehörde, die Ende Juli die Ergebnisse des europaweiten Stresstests für Banken bekanntgeben wird, welche das Potential für erneute Unsicherheiten an den Märkten bergen.

China bleibt ebenfalls weiterhin ein wichtiger Risikofaktor, auch wenn das BIP-Wachstum im Q2 stabil bei 6.7% gegenüber Vorjahr blieb. Ohne umfangreiche staatliche Konjunkturhilfen, die nicht nachhaltig sind, wäre das Wachstum niedriger ausgefallen. Die Privatinvestitionen haben erneut an Fahrt verloren und im Q2 nur noch um knapp 3% zugelegt, nach 10% noch zu Beginn des Jahres.

Quelle: BONDWorld.ch