„War etwas?“

„Politische Börsen haben kurze Beine“, sagen Börsianer, wenn politische Ereignisse zwar deutliche Auswirkungen an den Finanzmärkten haben, diese aber von kurzer Dauer sind….


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Ann-Katrin Petersen Vice President, Global Capital Markets & Thematic Research


Wenige Wochen nach dem BREXITVotum scheint die Wertentwicklung verschiedener Anlageklassen diese Börsenweisheit zu bestätigen (siehe unsere Grafik der Woche). Nicht nur Titel aus den Schwellenländern scheinen unbeeindruckt, trotz des festeren US-Dollars. Auch in den Industrieländern zeigen die Börsenbarometer durchweg nach oben, nachdem das Ergebnis des britischen Referendums zunächst Kursrutsche an den Aktienmärkten ausgelöst hatte.

Eine Rolle dürfte dabei spielen, dass die Ernennung Theresa Mays als neue Premierministerin bereits Mitte Juli das entstandene Machtvakuum in Großbritannien füllte. Denn die Märkte mögen klare Linien. So manchem Beobachter stellt sich allerdings die Frage, ob die Börsen die Implikationen des Votums – etwa die mit einem langwierigen, zähen Verhandlungsprozess verbundene Unsicherheit – bereits vollkommen verdaut haben.

Geldpolitisch befinden wir uns derweil im Euroraum und in den USA inmitten eines „Sommers des Abwartens“. Sowohl die Europäische Zentralbank (EZB) als auch die US-Notenbank Fed hielten auf ihren jüngsten Sitzungen wie erwartet die Füße still. Dagegen ist in Japan eine weitere Lockerung in Sicht, nicht nur fiskalpolitisch – Ministerpräsident Shinzo Abe bezifferte das geplante Konjunkturpaket jüngst auf ein Volumen von mehr als 28 Bio. Yen. Die Markterwartungen an die zum Wochenausklang tagende Bank of Japan sind äußerst hoch. Ein enttäuschter Nachhall ist daher nicht auszuschließen, wenn die Börsen am kommenden Montag eröffnen.   

Darüber hinaus starten die Anleger mit den Ergebnissen des EU-weiten Bankenstresstests in die neue Handelswoche, die am späten Freitagabend bekanntgegeben werden. Im breiten Aktienmarktindex MSCI Europa bildet der an den Börsen abgestrafte Finanzsektor mit einem Anteil von etwa 17 ½ % immerhin die größte Branche. Seit Monaten haben die Aufsichtsbehörden untersucht, wie belastbar die größten Bankhäuser im Falle von Schocks sind.

Im Durchschnitt dürften die Resultate – etwa die gestressten Eigenkapitalquoten – bestätigen, dass die Herausforderung für das europäische Bankensystem nicht in der Solvenz liegt, sondern in der Profitabilität. Im Gegensatz zum Gesundheitscheck von 2014 und zum US- Stresstest wurde diesmal allerdings keine zu erzielende Mindestkapitalquote festgelegt. Ein hartes „Durchfallen“ oder „Bestehen“ gibt es nicht. Vielmehr müssen bankspezifische Ziel-Kapitalquoten erreicht werden, die eine wichtige Größe für den weiterführenden Aufsichtsprozess sind.

29 07 16 FRIDAY

Fazit:

• Ob die Institute ihre individuellen Zielquoten erreicht haben, wird wohl zu Wochenbeginn noch offen bleiben. Unabhängig davon dürfte für Investoren jedoch interessant sein, wie Banken im Stressszenario im Vergleich zu ihren Konkurrenten abschneiden.

• Dagegen schaffen die Ergebnisse eine weitere Grundlage für die Verhandlungen zwischen Rom und Brüssel über den Umgang mit einzelnen maroden italienischen Bankhäusern. Es gilt, eine Kompromisslösung zu finden, wie etwaige Kapitallücken geschlossen werden können, ohne die Glaubwürdigkeit der Bankenunion zu unterlaufen – der zufolge ein „Bail-In“ der Aktionäre und Fremdkapitalgeber die Regel sein sollte und ein „Bail-out“ durch den Staat die Ausnahme – und die gleichzeitig die politische und finanzielle Stabilität Italiens wahrt. Ein Balanceakt.

Politische Kapriolen könnten also weiterhin für ein Auf- und Abtrippeln an den Börsen führen. Wirkliche Trends an den Märkten erkennt man aber am besten, wenn man sich auf die ökonomischen Fakten konzentriert:

1. Berichtssaison: Von den etwa 160 US-Unternehmen aus dem S&P 500, die ihr Zahlenwerk für das zweite Quartal bereits auf den Tisch gelegt haben, übertrafen bisher rund 71 % die (traditionell zuvor nach unten revidierten) Analystenerwartungen, mehr als im Vorjahresquartal (68,3 %). In Japan belastet dagegen der in den vergangenen Monate erstarkte Yen-Wechselkurs das Gewinnwachstum.

2. Konjunkturperspektiven: Dass der britische Entscheid voraussichtlich bedeutsame regionale Auswirkungen hat, aber kein globales BREsaster darstellt, dürften die Stimmung der Einkaufsmanager in China (Mo, Mi) sowie die ISM-Indizes (Mo, Mi) und der Auftragseingang in der Industrie (Do) in den USA unterstreichen. Hinweise darauf, ob der private Konsum auch in der zweiten Jahreshälfte den entscheidenden Wachstumsimpuls liefert, gibt der US-Arbeitsmarktbericht für Juli (Fr).

3. Geldpolitik: Das spannendste Ereignis für Notenbankbeobachter wird die Sitzung der Bank of England (BoE) sein, in deren Rahmen Gouverneur Mark Carney den vierteljährlichen Inflationsbericht vorstellt (Do). Eine Stütze für die britische Konjunktur ist wahrscheinlich, wenngleich Carney den Leitzins bei 0,5 % belassen und auf Liquiditätsspritzen wie das „Funding for Lending Scheme“ zurückgreifen könnte, bei dem Banken in Abhängigkeit von ihrer Kreditvergabetätigkeit Finanzmittel bereitgestellt werden. Denn der binnenwirtschaftliche Druck auf die Verbraucherpreise wird zwar angesichts der zu erwartenden Konjunkturdelle abnehmen. Der bereits sehr schwache Pfund-Wechselkurs lässt jedoch daran zweifeln, dass die BoE an der Zinsschraube drehen wird. Im Vorjahresvergleich hat das Pfund gegenüber den wichtigsten Handelspartnern um mehr als 14 % abgewertet, dies verteuert Einfuhren von Gütern aus dem Ausland.

Darüber hinaus gibt die EZB Details zu ihren Wertpapierkäufen im Juli bekannt (Mo). Bedenken, dass sich das für die Bundesbank erwerbbare

Staatsanleiheuniversum noch vor dem Programmende im März 2017 erschöpfen wird, könnten erneut Aufwind erhalten (siehe auch: „QE Monitor“). Für Erleichterung sollte dagegen sorgen, dass die negativen Beiträge der Energiekomponente zur Gesamtinflationsrate allmählich auszulaufen scheinen. Denn der gefallene Rohölpreis hatte der EZB einen Strich durch die Rechnung gemacht. Auch die Erzeugerpreise für Juni (Di) könnten bestätigen, dass die Inflation im Euroraum allmählich Abstand von der Nullmarke gewinnt. Wir dürfen also gespannt sein, wann fundamentale Renditetreiber an den (Anleihe-)Märkten ihr Comeback erleben.

 

Quelle: BondWorld.ch