„Zweiter Frühling im Herbst des Konjunkturzyklus“

Zum Beginn des meteorologischen Herbstes, wenn es draußen ungemütlich und stürmisch wird, kommen an der Börse noch einmal Frühlingsgefühle auf…..

Stefan Rondorf Senior Investment Strategist,  Global Economics & Strategy


Die amerikanischen Leitindizes S&P 500 und Nasdaq Composite markieren ein Rekordhoch nach dem anderen und auch die europäischen und asiatischen Aktienindizes haben starke Wochen hinter sich. Aus der deutschen Brille betrachtet scheint es nur noch eine Frage der Zeit, bis der heimische Leitindex DAX die 13.000er Marke reißt, was immerhin einer Rendite einschließlich Dividenden von 254% seit dem Tiefpunkt im März 2009 entspräche. Auch bei Hochzins- und Schwellenländeranleihen herrscht Hochstimmung.

Diese Bewegungen sind vor allem deshalb erstaunlich, weil viele Beobachter den für die Marktstimmung entscheidenden Konjunkturzyklus in den USA nach bereits etwas mehr als acht Jahren Dauer in seinem Herbst verorten. Doch noch welkt er nicht. Jahrelang äußerst expansive Geldpolitik strahlt schlussendlich auf das Wachstum aus, mit globaler Reichweite. Vor allem außergewöhnlich langsam einsetzende Verhandlungsmacht von Arbeitnehmern bei Löhnen und das ShaleZeitalter beim Öl eröffnen ein Zeitfenster robusten Wachstums ohne unmittelbare Inflationsangst. Als wäre dies nicht genug, entfacht sich in den USA neue Hoffnung auf fiskalische Impulse durch Steuersenkungs- und vereinfachungsmaßnahmen nach Vorschlägen aus dem Weißen Haus.

Nach jahrelanger Ausweitung von Bewertungskennzahlen in verschiedensten Anlageklassen, angeheizt durch Niedrigzinsen und überbordende Liquidität, kann zumindest der Aktienmarkt auf einen weiteren stützenden Faktor setzen: robuste Gewinndynamik. An der Schwelle zur Gewinnberichtssaison zum dritten Quartal scheinen die Analysten gerade in den USA zuletzt die Latte sehr tief zu hängen, obwohl die Unternehmen diesmal etwas weniger stark als üblich versucht haben die Erwartungen zu dämpfen. So liegt für den Gesamtmarkt die Schätzung für das Gewinnwachstum bei nur noch 2.8%, und wurde zuletzt im Wesentlichen durch den Hurrikangeschädigten Versicherungssektor gedrückt. Gegeben die insgesamt robuste Wirtschaftsentwicklung im dritten Quartal sollte es einfach fallen, diese Schätzungen zu übertreffen. In Europa liegen die Schätzungen mit 5.4% zwar leicht höher, aber auch diese erscheinen  als eher zu vorsichtig. 

Die Woche voraus

Die kommende Woche wartet vor allem mit politischen Ereignissen auf. Sie wird von zwei Wahlen eingerahmt, in Österreich am 15.10. und in Japan am 22.10. In Österreich ist mit einem starken Abschneiden der rechts-populistischen Partei zu rechnen, dies dürfte die politische Kompassnadel in Europa aber nicht wesentlich verrücken. In Japan ist mit einer Wiederwahl von Shinzo Abe zu rechnen, seine Mehrheit könnte aber schrumpfen. Die Zeichen stehen auf einer grundsätzlichen Fortsetzung von „Abenomics“, auch die generöse Geldpolitik der Bank of Japan dürfte zunächst fortgesetzt werden. In China beginnt am Donnerstag der viel beachtete Parteitag der kommunistischen Partei. Die weiteren politischen Baustellen in Katalonien (Separationsbestrebungen) , Washington und Pyongyang werden vermutlich nicht stillstehen. 

Außerdem stehen folgende makroökonomischen Datenpunkte an:

 Inflationsdaten aus China (Mo) und Großbritannien (Di) : Setzt sich die global beobachtbare Reflationsbewegung fort?

Chinesisches BIP-Wachstum für das dritte Quartal (Do): Gemäß der Konsensschätzung würde die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde mit 6.8% weiter ausreichend kräftig zum globalen Wachstum beitragen.

Verstehen. Handeln.

Bedeuten die plötzlichen Frühlingsgefühle an der Börse, dass sich alle Herbststürme dauerhaft verziehen? Sicher nicht. Eine ruckhafte Reaktion der Anleihemärkte auf eine möglicherweise überraschend stark steigende Inflation, einhergehend mit gedrosseltem Stimulus der Zentralbanken (Stichwort Liquiditätsgipfel) und nicht zuletzt die irgendwann einsetzenden Verschleißerscheinungen bei der Konjunkturdynamik bleiben als dunkle Wolken am Horizont. Kurzfristig setzen wir aber auf weitere Impulse von der Gewinnsaison.

Source: BondWorld